Kurzgeschichte von Martin Christen
Als Teenager, ich werde so 17 gewesen sein, ich war mitten in meiner Lehre als Elektromechaniker, brach ich mir beim Skifahren ein Bein. Skiferien waren für meine Eltern eine Muss-Tradition. Meine Mutter liebte das dermassen, dass sie sich, bzw. der ganzen Familie, das ganze Jahr über die Kosten für die Skiferien am Mund absparte, damit wir während der Winter-Schulferien im Februar zwei Wochen nach Lenk i.S. fahren konnten. Wir verbrachten diese Zeit immer im selben „Chalet Bambi“. Meine Eltern hatten ein gutes Verhältnis zu den Chaletbesitzern aufgebaut und jedes Jahr dort gebucht. Mein ganzes Schülerleben lang waren wir im Winter immer im Chalet Bambi in den Skiferien gewesen. Die Eltern schickten uns immer morgens in die Skischule, damit wir ordentlich Skifahren lernten, und nach ein paar Jahren konnten wir dann selbständig auf die Piste und nutzten das weidlich aus. Als Teenager machte ich es mir jeweils zur Herausforderung, so oft wie möglich am selben Tag die Piste am Betelberg hinunterzubrausen, mit der Gondelbahn wieder nach oben zu fahren und erneut hinunterzubrausen. Unter uns Brüdern machten wir es zum Wettbewerb, wer die meisten Fahrten schaffte. Eines schönen Tages, wie gesagt, als 17-Jähriger, brauste ich also so rasch es ging die eine Piste hinunter und musste unten beim Skilift in den vorgesehenen Warteraum einfädeln. Es war schon recht spät am Nachmittag, nur wenige Leute warteten auf die nächste Gondel, und ich brauste in entsprechendem Tempo heran. Doch beim Einfädeln in den Wartebereich hatte ich noch mittelhohes Tempo drauf, musste, um mich zu balancieren, das Bein ausstrecken, und, Zack! schlug ich dieses Bein an einem Pfosten an. Knack! machte es (ich hörte es selber nicht, aber es wurde mir so erzählt), und mein rechtes Schienbein war gebrochen.
Nun wurde ich sofort vom Bahnpersonal betreut, da ich schon an der Talstation war, brauchte es keinen Rettungsschlitten, sondern stattdessen organisierte man eine Fahrt zum nächsten Arzt, der mich wiederum in eine Ambulanz steckte zum nächsten Spital, das eine halbe Stunde entfernt im nächsten Städtchen Zweisimmen gelegen war. In der Zwischenzeit informierte der Arzt in Lenk die Vermieter des Chalet Bambi, welche wiederum meine Eltern informierten, dass mit ihrem Sohn etwas geschehen war.
Im Spital Zweisimmen wurde mir der Beinbruch operiert, und zwar erhielt ich eine Stahlschiene eingesetzt. Danach blieb ich ein paar Tage im Spital, bis ich transportfähig war, und wurde dann von meinen Eltern aus den Ferien zurück nach Hause gebracht. Mir wurde eröffnet, dass ich jetzt drei Monate lang nicht arbeiten könne, sondern Zuhause ruhen müsse, bis der Beinbruch soweit verheilt sei, dass ich das Bein wieder belasten könne. An eine Arbeit im Lehrbetrieb als Elektromechaniker war also nicht zu denken.
Meine Mutter, immer praktisch gesinnt, fand, ihr Sohn, der nun drei Monate zuhause verbringen würde, solle die Zeit gefälligst sinnvoll nutzen. Als Mechaniker war ich natürlich ein Totalausfall. Aber sie, unermüdliche Arbeiterin, die sie selber war, fand immer etwas nützliches zu tun. In meinem Fall entschied sie, dass ich Schreibmaschineschreiben lernen solle. Das war zu jenem Zeitpunkt für einen Mechanikerlehrling sehr aussergewöhnlich, so etwas braucht man als Kaufmannslehrling, das hiess bei uns KV-Lehrling. Der Nachbarsjunge von schräg gegenüber, der gleich alt war wie ich, absolvierte so eine KV-Lehre. Meine Mutter sagte mir, ich solle zum Nachbarn hinüber gehen (an den Gehstöcken, die ich hatte) und ihn zu fragen, ob er einen Schreibmaschinenlehrkurs habe und ob er mir die Kursunterlagen ausleihen könne. Gesagt, getan. Wir hatten eine mechanische Schreibmaschine Zuhause, die gelegentlich für formelle Schreibarbeiten benutzt wurde. Es war ungefähr das Jahr 1979 und damals waren mechanische Schreibmaschinen noch selbstverständlich. Unsere Maschine war eine mit diesen beweglichen langen Typenhebeln für jede Taste, die auf Tastenanschlag hin in Richtung Blatt Papier flogen und durch das vorne durchlaufende Farbband hindurch den Buchstaben auf das Papier schlugen. Ich hatte diese Maschine vorher kaum beachtet, aber jetzt musste ich mich gezwungenermassen damit auseinandersetzen. Meine Mutter fand, täglich 15 Minuten würden vollauf genügen. Wenn ich das drei Monate lang mache, komme ich am Ende ziemlich weit. Und in der Tat. Was zu Beginn sehr zögerlich und langsam voranging, besonders das Erlernen der seltsamen und unlogischen Anordnung der Buchstaben auf den Tasten, erhielt mit der Zeit ein System und begann, mir in die Finger zu fliessen. Ich verstand auch, dass die Buchstabenanordnung deshalb so war, um die Tastenkombinationen möglichst so zu gestalten, dass die meisten deutschen Wörter ohne Typensalat aufs Papier gebracht werden konnten. Typensalat, also mehrere auf dem Weg zum Farbband miteinander verklemmte und verkeilte Typen, musste ich viele Male auseinanderdröseln.
Als ich soweit war, dass ich wieder arbeiten konnte, waren meine Schreibmaschinenfertigkeiten ziemlich anständig fortgeschritten, ich konnte flüssig mehrere Absätze abtippen ohne Fehler zu machen. Fehler waren zum damaligen Zeitpunkt ja noch eine richtige Plackerei. Entweder musste das Blatt Papier weggeworfen und der ganze Text von vorne getippt werden, oder man musste mit Hilfsmitteln wie Korrekturband oder Tippex den falschen Buchstaben überdecken und dann den richtigen Buchstaben darüberschlagen. Wenn man einen Tippfehler erst nach einem Wort oder zwei realisierte, war es meist zu spät, um das noch sinnvoll korrigieren zu können. Also musste man am besten von Anfang an fehlerlos tippen. Das erforderte höchste Aufmerksamkeit.
Als die drei Monate um waren, legte ich die Schreibmaschine beiseite und widmete mich wieder meinem Mechanikerdasein. Die Mutter fand, sowas ist wie Fahrradfahren: Man lernt es einmal und kann es später immer wieder machen, wenn man es mal braucht. Nur wusste ich gerade noch nicht, wann ich das je brauchen würde.
Kurz darauf kam der Vater mit dem Exidy Sorcerer nach Hause. Ein erster Personal Computer, bei uns! Er hatte sich schon länger mit diesem modernen Computerzeugs befasst, hatte gar die amerikanische Computerzeitschrift Byte abonniert, und dort die Werbung für die neuesten Modelle bewundert. Wo er den gekauft hatte, weiss ich nicht, es gab zu jener Zeit noch gar keine Computerläden in der Gegend, oder nur sehr wenige, für Freaks. Die Geschichte meiner ersten Schritte mit diesem ersten Computer habe ich in einer anderen Geschichte geschildert. Aber jedenfalls merkte ich schon da, dass meine Schreibmaschinenfertigkeiten mir bereits zugute kamen und ich so ein Computerprogramm einfach locker aus dem Ärmel in den Computer tippen konnte. Mein Vater selbst beherrschte das Zehnfingersystem nicht so gut wie ich.
Wie es sich so ergab, war der Exidy Sorcerer meines Vaters der Umschwung meiner Karriere. Ich schloss zwar die Lehre als Elektromechaniker ab, begann aber noch während der Lehre, mich in Richtung Computer weiterzuentwickeln. Beispielsweise legte ich mir einen der ersten programmierbaren Taschenrechner zu, einen TI-57, auf dem ich voller Stolz so raffinierte Programme wie das Mondlandungsspiel eingab und spielte. Ich weiss auch noch gut, dass ich diesen Taschenrechner immer dabei hatte, auch in der Gewerbeschule, und auch das TI-57-Handbuch auf dem Tisch liegen hatte, neben dem Formelhandbuch Kuchling, das ich für die Schule haben musste. Der Klassenlehrer war ein zwar ruppiger, aber freundlicher älterer Mann. Er beobachtete mein Treiben und kam eines Tages zu mir, nahm das TI-57-Manual und den Kuchling vom Tisch und sagte laut zu mir und zu allen anderen Elektromechaniker-Schülern der Klasse: „Warum sieht der Kuchling nicht so zerfleddert aus wie dieses Taschenrechnerhandbuch, mein Lieber? Es müsste genau umgekehrt sein!!!“ und lachte laut. Es war klar, dass er sich zwar gewünscht hätte, dass ich das wichtige Schulbuch täglich in die Hand nehme und darin blättere, aber dass ich das technische Handbuch des Taschenrechners derart eingehend benutzte, fand er auch völlig in Ordnung.
Und so wurde immer klarer, dass ich Informatik studieren wollte. Da mir der direkte Weg über die Kantonsschule verwehrt geblieben war, nahm ich den zweiten Bildungsweg: eine Zugangsprüfung an die HTL, die Höhere Technische Lehranstalt. Diese Prüfung schaffte ich, und 1985 schloss ich als Dipl. Informatik-Ing. HTL ab.
Im Laufe des Studiums gereichte mir meine Tippfertigkeit zu manchem Vorteil und staunenden Moment meiner Kommilitonen und Professoren. Meine Finger flogen nur so über die Tastaturen und meine Schreibarbeiten waren immer als erstes fertig.
Später, als das Internet langsam aufkam und man per Einwahlmodem Online gehen konnte, entdeckte ich eine Website, auf der man seine Schreibmaschinenfertigkeiten Online üben und testen konnte. Das tat ich gerne und oft, und irgendwann machte ich an einem Wettbewerb mit, wo sich viele andere Zehnfingerschreiber miteinander massen. Ich kam zwar nicht ganz oben raus, aber ich gehörte schon zum oberen Durchschnitt und war einigermassen stolz, als mir so ein Test eine Schreibgeschwindigkeit von 600 Anschlägen pro Minute bescheinigte. Das war schneller als manche Sekretärin.
Und doch ist mir etwas von der alten Schreibmaschine geblieben. Manchmal merke ich, dass ich heute noch genau so auf Computertastaturen tippe, wie ich es auf der mechanischen Schreibmaschine meiner Mutter gelernt habe. Nämlich hart und kräftig, wobei nicht alle Zeichen gleich hart angeschlagen werden dürfen. Ein „M“ beispielsweise muss sehr hart angeschlagen werden, weil der ganze, grossflächige Buchstabe durch das Farbband drücken muss, ein ‚i‘ darf man jedoch nur schwach anschlagen, sonst reisst der feine Typenhebel einen Schlitz ins Papier, ein Punkt „.“ darf sowieso nur viel sanfter angeschlagen werden. Entsprechend sehen heutzutage meine Computertastaturen aus. Selbst neue Tastaturen sind nach kurzer Zeit abgewetzt, und zwar verschiedene Tasten unterschiedlich stark. Ausserdem sagte mir einmal ein Bürokollege, er staune: Obwohl unser Büro extra lautlose Tastaturen beschafft hatte, schaffe ich es trotzdem, dass jeder meiner Anschläge hörbar sei…
Ja, meine liebe Mutter hat sicherlich gestaunt, was sie mit ihrer Idee von 15 Minuten täglichem Schreibmaschinenkurs bei mir alles bewirkt hat. Dass dieser Kursus derart nützlich für meine gesamte Karriere sein würde, hätte ich mir damals nicht träumen lassen. Rückblickend: Danke, liebe Mutter, für Deine Voraussicht.
Super Gschichtli, Martin! Äbe „richtig usem Läbe“ gschribe… chönnt fasch e Kopie us mim eigete sy. Nume „fasch“ – ha i 8/9te Klass e Schribmaschineschribkurs gmacht. Wäge der Uhrekrise im 1976 ke Lehrschteu gfunge.
De nachem Wäutsche doch eini bim Kanton. S KV… hani nume übercho, wüu ig s Zähfingersyschtem scho ha chönne.
Im KV sy mer die erschti Klass gsy ir Schwiz, wo „EDV“ aus Fach het gha… by immer im koufmännische Bereich blibe. Immer mit Schwärpünkt „Informatik“ und „Rächt“.
Het mer ou im Privatläbe gäng wyterghulfe (woby dört im 1987 no üse Burebetryb derzue isch cho – ou dört geit nüt ohni s Einte und Angere).