Der Vorwurf

Kurzgeschichte von Martin Christen

Wie benommen sass ich vor dem Telefonapparat. Ich konnte gar nicht verstehen, wie mir geschehen war. Grade hatte mich mein Bruder Klaus angerufen und mir mitgeteilt, dass er nicht an der diesjährigen Familien-Weihnachtsfeier teilnehmen werde. Und dass das auch seine Familie nicht tun werde. Insbesondere nicht seine Tochter Laura, mit der er mir im Übrigen jeden Umgang verbiete. Ich hätte sie missbraucht und er werde das unterbinden. Und sowieso sei er nicht mit der Art und Weise einverstanden, mit der ich die offene Ehe lebe mit meiner Frau Eva. Aber ich musste mich aus meiner Erstarrung lösen, aufstehen, zu Eva gehen, und ihr das sagen.

Vor ein paar Jahren war meine Mutter verstorben (1993). Und sie war es auch gewesen, die die Familie zusammengehalten hatte, indem sie jedes Jahr zu Weihnachten alle ihre vier Kinder samt Ehepartnern und Grosskindern zur Weihnachtsfeier einlud. Seit ihrem Tod luden wir Geschwister reihum jeweils zum Weihnachtsfest ein, und dieses Jahr war die Reihe an mir (vermutlich 1995). Letzte Woche hatte ich die Einladungen verschickt an meine Geschwister und an unseren Vater, wann genau Eva und ich den Rest der Familie erwarten würden. Und jetzt das. Was ging hier vor? Was genau wurde mir vorgeworfen? Das musste ich jetzt herausfinden.

Zunächst einmal erinnerte ich mich daran, dass im Sommer dieses Jahres ein Telefongespräch mit Laura stattgefunden hatte, das mich ziemlich aufgewühlt hatte. Sie rief mich an und das Gespräch verlief ungefähr so:

„Weisst du eigentlich, lieber Onkel Martin, was mein Vater bei den anderen Verwandten über dich herumerzählt?“

„Nein, das weiss ich nicht. Was denn?“

„Naja, mein Papi erzählt ganz schlimme Dinge über Dich und redet sehr schlecht von Dir.“

„Nun ja, mir ist schon bewusst, dass ich das Heu nicht immer auf derselben Bühne habe wie mein Bruder, und Meinungsverschiedenheiten unter Brüdern sind Teil des Lebens. Ganz so schlimm, wie Du es jetzt befürchtest, wird es wohl nicht sein.“

Sie erklärte mir also, dass ich mich vor meinem älteren Bruder in Acht nehmen sollte, und ich wiegelte ab und nahm die Warnung nicht ernst.

Klar war aber einstweilen, dass die diesjährige Weihnachtsfeier geplatzt war. Unter solchen Umständen hatte ich keine Lust auf weitere Vorbereitungen, geschweige denn, irgendwem meiner Verwandten gegenüber Rechenschaft abzulegen. Also führte ich reihum Telefonate, um abzusagen.

Reaktionen der Geschwister

Ich rief den anderen Bruder Beat an und erklärte einleitend, warum es dieses Jahr kein Familienweihnachten geben würde. Beat sagte, seine Frau Vreni und er hätten diese Vorwürfe bereits von Klaus gehört. Vreni habe dazu gemeint: „Naja, also, wenn das alles stimmt, dann müsst ihr natürlich die Polizei einschalten.“ Mein Vater sagte, dass er schwer enttäuscht sei und dass er so was nicht von mir erwartet hätte. Die Schwester sagte, das ist Humbug. Ich kenne meinen kleinen Bruder. Selbstverständlich hat das nie stattgefunden.

Uff! Wenigstens die Schwester hält zu mir, ganz abgesehen davon, dass meine Frau zu keinem Zeitpunkt an meiner Rechtschaffenheit gezweifelt hat. Aber was ich vom Rest der Familie hörte, hat mich sehr erschüttert. Besonders von meinem Vater hätte ich erwartet, dass er zumindest erst mal nachfragt, was denn meine Stellungnahme wäre. Er, der er immer predigte, wie wichtig Gerechtigkeit sei und dass man erst alle Seiten anhören müsse, bevor man ein Urteil fälle.

Aber nun fragte ich mich natürlich, woher diese Vorwürfe überhaupt kamen. Auf welcher Grundlage entsteht so was? Und wie konnte ich diese Situation bereinigen, die Vorwürfe aus der Welt schaffen? Da gab es nur einen Weg: Ich musste mit meinem Bruder reden. Aber ihm ganz alleine gegenübertreten mochte ich nun nicht. Zum einen wünschte ich mir meine Frau an meiner Seite, zum anderen gestand ich dasselbe auch meinem Bruder zu. Ausserdem hatte ich so eine Ahnung, dass der Vorwurf vielleicht eher von ihr stammte. Zwei Paare, die sich bei einem Treffen gegenübersitzen und sich gegenseitig Vorwürfe machen? Das klang nicht nach prickelnder Unterhaltung. Da fiel mir ein, dass man doch auch noch einen neutralen Beobachter und Vermittler beiziehen könnte.

Ich rief also meinen Bruder wieder an und schlug vor, mich mit ihm und seiner Frau, sowie mit meiner eigenen Frau und einem neutralen Vermittler zu treffen und über die ganze Sache zu reden. Ich könnte da meinen eigenen Psychologen anbieten, den ich schon seit einer Weile regelmässig konsultierte, aber selbstverständlich dürfe er andere Vorschläge machen. Er meinte, das sei eine gute Idee, und zwar wünsche er, dass wir uns zu viert bei seinen Familientherapeuten treffen, es handle sich um ein Therapeutenpaar, das sei eine gute Konstellation und für ihn und seine Frau bisher hilfreich gewesen. Ich willigte ein, und auch ein Termin war bald gefunden. Weiter wies ich darauf hin, dass meiner Meinung nach auch Laura bei diesem Treffen dabei sein sollte. Sie sei doch alt genug (zu dem Zeitpunkt wird sie etwa 15 gewesen sein) und könne sicherlich am besten selber erzählen, ob und welche Art von Missbrauch durch mich erfolgt sei und was sie mir vorwerfe. Das jedoch lehnte Klaus kategorisch ab. Das arme Mädchen habe schon genug durchmachen müssen, wir müssten das unter uns klären. Wie sich später noch herausstellen sollte, war meine Annahme, die Therapeuten würden neutral auf die Situation eingehen und dämpfend auf alle Seiten einwirken, völlig aus der Luft gegriffen.

Denkwürdige Sitzung mit Familientherapeuten

Wir trafen uns in der Praxis dieser Familientherapeuten. Dort fragte ich als erstes, was man mir denn genau vorwerfe und aufgrund wovon. Als Beweismittel wurden mir folgende Episoden vorgelegt:

Erstens sei es vorgekommen, dass Laura am Sonntag Morgen ins elterliche Schlafzimmer gekommen sei, sich zu den Eltern ins Ehebett gelegt habe, dem Vater auf den Bauch geklettert sei, und dort eindeutige Bewegungen vollführt habe. Da hätten sie sich halt überlegt, wo Laura sowas gelernt haben könnte, und das könne sie nur von mir haben. Sie hätten daraufhin Laura Elternschlafzimmerverbot erteilen müssen als erzieherische Massnahme.

Zweitens habe man Lauras Abhängigkeit von mir bei einem Besuch in der Lenk klar erkennen können, wo Laura zur Begrüssung an mir hochgeklettert sei und sich an meinen Hosen gerieben habe, dass es ein Graus gewesen sei. Und ich habe das offensichtlich auch noch genossen.

Drittens hätte ich an der Hochzeit von Klaus und Rita ihre Schwester belästigt.

Viertens habe Laura erzählt, dass sie regelmässig in meinem Bett geschlafen habe.

Nun versuchte ich mir auf diese Vorwürfe einen Reim zu machen. Zunächst einmal muss man wissen, dass Rita Klaus‘ zweite Frau ist und Lauras Stiefmutter. Laura entstammt nämlich Klaus‘ erster Ehe. Diese erste Ehe Klaus‘ stand von Anfang an unter einem unglücklichen Stern, sie trennten sich nämlich bereits nach einem Jahr und kurz nach der Geburt der Tochter Laura. Da Sandra ein eher unbeständiges Leben führte und häufig unterwegs war, gab sie ihre Tochter zu einer Pflegemutter. Eines schönen Tages meldete sich diese Pflegemutter bei Klaus mit der Bitte, ihre Kosten zu entschädigen, sie erhalte nämlich von der Kindsmutter seit ein paar Monaten kein Geld mehr. Klaus begann, Nachforschungen durchzuführen und musste feststellen, dass Sandra mit unbekanntem Ziel weggezogen und quasi verschollen war. Keine Amtsstelle wusste, wo sie aufzufinden wäre. Klaus zahlte daher die Rechnungen der Pflegemutter direkt, stellte die Alimentenzahlungen an die Mutter ein, und stellte das amtliche Gesuch um Übernahme des Sorgerechts für seine Tochter. Das war überhaupt kein Problem, da ja schliesslich die Mutter verschollen war. Klaus stellte ausserdem fest, dass die Pflegefamilie sich nicht so liebevoll um Laura kümmerte, wie man sich das wünschen würde. Anhand von Striemen und blauen Flecken stellte man fest, dass Laura dort sogar geschlagen wurde. Also entzog Klaus seine Tochter den Pflegeeltern. Er war allein und musste arbeiten. Daher übergab er Laura in die Obhut seiner Mutter, ihrer Grossmutter. Das Mädchen war etwa fünf Jahre alt – und ich selber zwanzig, mitten im Ingenieurstudium, noch bei meinen Eltern wohnhaft. Das kleine Mädchen war eine grosse Freude für meine Mutter, Vater und mich. Sie brachte viel Leben ins Haus. Ich verbrachte viel Zeit mit ihr, erzählte ihr Geschichten, sang mit ihr Lieder, brachte sie zu Bett, spielte mit ihr, putzte mit ihr die Zähne, küsste sie zur Nacht, einmal konnte sie nicht einschlafen und ich legte mich sogar neben sie in ihr Bett, bis sie schlief (soviel also zum vierten Vorwurf). Wir spielten zusammen mit der Katze, ich erklärte ihr die Welt, so gut ich das einer Sechsjährigen erklären konnte. In der Zwischenzeit lernte Klaus eine neue Freundin kennen und lieben und bald sprach er von Heirat. Alle freuten sich, dass er eine so tolle Frau gefunden hatte, Rita war Lehrerin, und bald gab es ein grosses Hochzeitsfest zu feiern (das war am 20. 5. 1983). Selbstverständlich flirtete ich, als junger Mann, voll im Saft, auch mit den anwesenden ungefähr gleichaltrigen Damen, unter anderem auch mit Ritas hübscher Schwester. Was ich ihr da genau angetan haben sollte, war mir schleierhaft, ich hatte doch nur mit ihr geredet und vielleicht sie noch an den Armen berührt. Mehr nicht, und ganz bestimmt hatte kein Sex stattgefunden, weder einvernehmlicher noch nicht-einvernehmlicher. Das sagte ich auch an der Therapeutensitzung, und damit war für mich das Thema erledigt. Rita meinte zwar, ich sei zu weit gegangen mit meinen Berührungen, ihre Schwester habe sich äusserst unwohl gefühlt in meiner Gegenwart. Ich sagte, was immer ich da vielleicht Böses in meinem hormonellen Überschwang getan oder gesagt haben möge, es tue mir leid, aber jedenfalls habe es keinen Sex gegeben. Nun ja, soviel zum dritten Vorwurf.

Weiter: Ich erinnere mich gut an die Szene, als sich an besagter Hochzeitsfeier das Brautpaar verabschiedete. Das kleine Mädchen Laura, Tochter des Bräutigams, lief den beiden jauchzend hinterher und rief, wie sehr sie sich freue, jetzt endlich wieder bei ihrem Papi und bei ihrer neuen Mami leben zu können. Die beiden schauten sich an und sagten zu Laura, dass sie jetzt nicht mitkommen könne. Sie bleibe erst noch eine Weile bei der Grossmutter. So sei es abgemacht, damit das frischgebackene Ehepaar sich erst mal an das gemeinsame Leben gewöhnen und ein Nest für Laura vorbereiten könne. Laura könne dann vielleicht in einem Jahr oder so zu ihnen kommen, vorher nicht. Oh Junge, das gab Tränen. Die Kleine verstand nicht, was ihr da gesagt wurde, und war kaum zu trösten, obwohl die Grossmutter herbeigeeilt war und ihr ihre liebste Puppe in die Arme drückte. Und so verbrachte Laura ein weiteres Jahr und den Kindergarten bei der Oma, dem Opa und mir, ihrem Onkel.

Ein Jahr später, wie versprochen, kam der Bescheid von Klaus, dass Laura jetzt willkommen sei in der ehelichen Gemeinschaft (das war ca. März 1984, nachdem Klaus eine Eigentumswohnung übernommen hatte). Endlich durfte sie dahin und freute sich riesig. Das Leben bei uns zuhause wurde etwas langsamer und beschaulicher ohne die Kleine, und alle gingen wieder ihren gewohnten Geschäften nach, bzw. ich meinem Ingenieurstudium. Ein paar Monate später kam ein Anruf von Rita. Sie wollte unbedingt mit mir reden. Sie fragte mich, ob ich mit Laura eigentlich irgendwann mal etwas Sexuelles gemacht hätte. Ob ich sie mal missbraucht hätte. Ich wies diesen Vorwurf entsetzt zurück und fragte, wie sie auf einen solch abstrusen Verdacht komme. Und jetzt, rückblickend, erinnere ich mich daran, dass sie da den Vorwurf Nummer eins zum ersten Mal vorbrachte, die Geschichte mit den „eindeutigen“ Bewegungen Lauras auf dem Bauch ihres Vaters und dass sie das doch nur von mir gelernt haben könne. Ich war damals schon sprachlos und bin es bis heute. Was hatte ich mir unter diesen „eindeutigen“ Bewegungen vorzustellen? Ich hatte keine Ahnung, was das sollte, und auch nicht, wie das mit mir zusammenhängen sollte. Das war also der erste Vorwurf.

Und jetzt kommen wir zum Vorwurf Nummer zwei: Der Besuch in der Lenk. Für diese Geschichte muss ich etwas ausholen. Lenk im Simmental war der traditionelle Skiferienort meiner Eltern und somit der ganzen Familie. Jahr für Jahr fuhren wir als Kinder mit den Eltern in die Lenk, und zwar immer ins selbe Chalet, das einem freundlichen Paar aus der Stadt Bern gehörte. Das Chalet hatte zwei Wohnungen, die eine belegten jeweils wir für zwei Wochen, in der anderen waren manchmal die Eigentümer in den Ferien, wenn es ihre eigenen Pläne erlaubten. Wenn sie da waren, gab es häufig gegenseitige Besuche, in denen besonders viel gejasst wurde. Nachdem wir Kinder erwachsen geworden waren und unsere eigenen Familien gegründet hatten – ich selber hatte vor kurzem Eva und ihre Kinder kennengelernt – fuhren auch wir noch gelegentlich in die Lenk, wenn es sich einrichten liess. Einmal konnten wir besagtes Chalet nutzen (es muss ungefähr 1989 gewesen sein), Klaus buchte unabhängig von uns für seine Familie ein günstiges Hotel im Dorf. Und da wir von unseren jeweiligen Ferienplänen hörten, reservierten wir einen Abend, an dem seine Familie bei uns zu Besuch kommen und den Abend mit uns verbringen sollte. Gesagt, getan, unsere Wohnung war auf Hochglanz poliert, das Essen gekocht, die letzten Vorbereitungen unterwegs, als ich Klaus‘ Auto in der Einfahrt vorfahren hörte. Die Autotür sprang auf und ich hörte Laura aus dem Auto springen und juchzen: „Juhui! Ich sehe endlich wieder meinen liebsten Onkel Martin!“ Sie rannte ums Haus herum, zur Eingangstür herein, und sprang an mir hoch und mir in die ausgebreiteten Arme, mit denen ich sie lächelnd empfing. Wir umarmten uns eine Weile und dann stieg sie wieder von mir herunter. Hinter ihr standen Klaus und Rita in der Türe und schauten völlig entgeistert auf die Begrüssungsszene, die sich da vor ihnen gerade abgespielt hatte. Unterkühlt schüttelte Rita meine Hand, und unterkühlt verlief auch der Rest des Abends. Allerdings merkten Eva und ich das gar nicht, sondern waren und blieben einfach freundlich und schoben die schlechte Stimmung auf das nicht-so-tolle Wetter, das den ganzen Tag über geherrscht hatte, und das einem die Ferienstimmung durchaus verderben kann.

Aber jedenfalls fragte ich an der Therapeutensitzung:

„Was habe ich denn da falsch gemacht? Ich bin mir keines Fehlers bewusst. Schliesslich war es Laura, die sich mir an den Hals geworfen hat, nicht ich, der sie an mich gezogen hat. Und überhaupt: Wenn ich sie vergewaltigt oder missbraucht hätte, dann wäre es doch völlig undenkbar, dass sie mit einer solchen Freude auf mich zukommen würde. Dann müsste doch das Gegenteil der Fall sein, dann müsste sie doch eher Angst vor mir haben und sich vor mir verstecken!“

„Es ist jedenfalls kein normales Verhalten zwischen Onkel und Nichte,“ meinte der Therapeut.

„Wie meinen Sie?“

„Naja, das ist nicht normal, dass ein Onkel und eine Nichte sich auf diese Weise begrüssen.“

„Aber wie hätte ich das denn verhindern können? Wie ich schon sagte, es war Laura, die an mir hochsprang, nicht ich an ihr. Ich nahm doch einfach die Begrüssung an. Wie hätte ich denn anders reagieren können?“

„Nun, Sie hätten Laura in ihre Schranken weisen müssen.“

„Wie bitte?“

„Ja, Sie hätten sie von sich schieben müssen, sie auf gebührendem Abstand halten, ihr die Hand geben und sagen sollen: ‚Hallo Laura, ich freue mich auch, dich zu sehen, aber wir sind Onkel und Nichte und ein Onkel und eine Nichte begrüssen sich nur mit der Hand.'“

Darauf war ich sprachlos. Auch meine Frau schaute ziemlich verständnislos drein. Was war denn das für eine lieblose Gesellschaft? Das war doch einfach ein emotionaler Ausbruch gewesen. Natürlich hat Laura eine besonders enge Beziehung zu mir, schliesslich haben wir etwa zwei Jahre ihres noch jungen Lebens miteinander verbracht. Und das soll man unterdrücken? Ich hatte das starke Gefühl, dass mein Bruder wohl gemerkt hat, dass er selber keine so innige Beziehung zu seiner Tochter hat, wie er es sich wünschen würde. Und da muss er feststellen, dass sie seinen Bruder und ihren Onkel mehr liebt als ihn. Das kann nur Eifersucht sein. Und diese Therapeuten bestärken ihn noch darin? Ich traute meinen Ohren nicht.

Geschlechtergetrennte Sitzung

Nun schlugen die Therapeuten vor, man könnte mal die Geschlechter trennen und von Mann zu Mann und von Frau zu Frau reden. Die Therapeutin, Rita und Eva gingen in den Nebenraum, der Therapeut, Klaus und ich blieben zurück. Und jetzt redeten beide auf mich ein, wie sehr ich daneben sei, wie sehr ich Laura bedrängt habe (immerhin akzeptierten sie inzwischen, dass es sich nicht um einen sexuellen Missbrauch gehandelt habe, sondern schwächten es ab auf einen „emotionalen Missbrauch“). Ich müsse meine Verfehlungen einsehen und am besten mich in Therapie begeben deswegen. Auf jeden Fall dürfe ich Laura nicht mehr so begegnen, eben wie beispielsweise damals in der Lenk. Ich war total eingeschüchtert und versuchte mich nur noch meiner Haut zu erwehren. Immer wieder warf ich ein, dass doch Laura ein Recht auf ihre Emotionen habe und dass sie diese doch auch ausleben dürfe, und dass wir ihr doch dieses Recht nicht nehmen dürften. Aber die beiden wollten nichts davon hören. Nach etwa einer halben Stunde stiessen die Frauen wieder zu uns.

Der unglückliche Besuch bei Rita

Jetzt aber, wo wieder alle zusammen waren, erinnerte ich mich plötzlich wieder an den Satz von der Missbilligung der offenen Ehe. Ich führte doch gar keine offene Ehe mit Eva! Da stieg eine vage Ahnung in mir auf. Ein paar Jahre vorher, es muss ungefähr 1988 gewesen sein, war ich im Bündnerland in einem Seminar gewesen. Wenn ich mich richtig erinnere, hiess das Seminar „Leadership“ und es ging um Persönlichkeitsentwicklung, darum, das Beste aus sich herauszuholen. Auch Geschlechterfragen, der Umgang zwischen Mann und Frau, sowohl in Paarbeziehungen als auch am Arbeitsplatz, waren wichtige Themen gewesen. Montagmittag war das Seminar zu Ende, und ich fuhr nach Hause nach Hunzenschwil. Diese Strecke ist ziemlich weit, dauert mehrere Stunden, und auf ungefähr halber Strecke erinnerte ich mich daran, dass ich nahe am Zuhause meines Bruders in Bülach vorbeifuhr, und beschloss, dort einen kleinen, spontanen Besuch abzustatten. Der Bruder selbst wäre natürlich nicht zu Hause, sondern auf der Arbeit, aber seine Frau und vielleicht seine Kinder wären sicherlich da, und mit denen würde ich mich gerne ein wenig unterhalten. Gesagt, getan, bald klingelte ich an der Tür und Rita öffnete mir überrascht die Tür.

„Hoi Rita, ich bin auf dem Nachhauseweg von einem Seminar und habe mich für einen spontanen Besuch entschieden, falls ich nicht störe. Ich will ja keine grossen Umstände machen, aber vielleicht darf ich einen Kaffee trinken und ein bisschen plaudern? Ich bin noch ganz erfüllt und in Hochstimmung von dem Seminar.“

„Ja klar, komm herein, erzähl, was war das für ein Seminar?“

Und so setzten wir uns an den Esstisch vor der Wohnküche, Laura kam auch fröhlich zu uns gestürmt und setzte sich zu uns. Ich erzählte mit Begeisterung von dem Seminar. Die Details sind unwichtig, ich erinnere mich auch kaum daran, auffällig war aber folgendes: Als ich irgendwann mal auf das Thema Sexualität zu sprechen kam und dabei die Wörter Schwanz und Möse in den Mund nahm, hatte ich zwar die ungeteilte Aufmerksamkeit von Laura (damals ca. 10 Jahre alt), aber Rita erbleichte und sagte, Laura müsse sofort in ihr Zimmer. Als ich irritiert fragte, was passiert sei, sagte sie, an unserem Tisch und vor den Kindern redet man nicht über solche Dinge, nimmt man solche Wörter nicht in den Mund. Ich war mir eine solche Prüderie nicht gewohnt und versuchte, mich zu verteidigen. Aber es nützte wenig. Rita stand nach ein paar Sätzen auf und ging hinter die Küchentheke, um die Tassen abzuwaschen. Ich ging hinter ihr her und versuchte zu beschwichtigen. Ich umarmte sie von hinten und sagte, dass das doch nicht so schlimm sei, als Versöhnungsgeste. Das allerdings geriet ihr vollends in den falschen Hals, sie drehte sich um, versetzte mir eine Ohrfeige, und sagte: „Verlasse sofort mein Haus! Du hast hier nichts mehr verloren!“ Ganz verdattert suchte ich meine Jacke zusammen und verliess die Wohnung, stieg in mein Auto und fuhr von dannen. Ich begriff überhaupt nicht, wie mir geschehen war.

An der Therapeutensitzung sagte ich jedenfalls ungefähr zu Rita:

„Ich erinnere mich grade daran, dass ich dich einmal in Bülach besucht hatte. Möglicherweise habe ich mich da danebenbenommen.“

„Ja, in der Tat, du hast hässliche Sachen gesagt vor Laura, und du hast mir an die Brüste gegriffen, sodass ich dich aus dem Haus werfen musste, um mich meiner Haut zu wehren.“

„Ans an-die-Brüste-Greifen erinnere ich mich zwar nicht, aber was immer da genau geschehen ist: Ich akzeptiere, dass es total daneben war, dass ich dir zu nahe getreten bin, und ich möchte mich gerne in aller Form dafür entschuldigen.“

Da ging ein Aufatmen durch den Raum. Man konnte es fast mit Händen greifen, wie sich alle entspannten. Endlich sieht er seine Fehler ein! Das war also jener Vorwurf, der in Richtung offene Ehe zeigte.

Auf dieser Stimmung konnte man aufbauen, die Zeit war um, man konnte verständnisvoll und verzeihend auseinandergehen.

Auf dem Heimweg hat mir Eva erzählt, dass es ihr mit den Frauen genau gleich ergangen sei wie mir mit den Männern. Die beiden Frauen hätten auf sie eingeredet in einem fort, was ich für ein schlechter Kerl sei, was ich für Verfehlungen begangen habe, und dass sie einsehen müsse, dass ich ein Übeltäter sei, der therapiert oder weggesperrt werden müsse. Sie hätte mit der Zeit nicht mehr ein noch aus gewusst, hätte nicht mehr gewusst, wo ihr der Kopf steht, hätte nur immer wieder gesagt, dass sie unrecht hätten, dass ich das nicht getan habe, dass sie weiterhin zu mir stehe. Ich war ihr unendlich dankbar dafür. Wenn sie nur einen Augenblick an mir gezweifelt hätte, dann hätte ich den Boden unter den Füssen verloren.

Lauras Ferienübernachtung bei Lea

Als kleiner Einschub noch eine andere Geschichte, die zwar nicht direkt in den Missbrauchsvorwurfsverhandlungen vorgekommen war, die aber ein weiteres Licht wirft auf die Ereignisse in der Familie rund um Laura herum:

So ungefähr 1989, ich lebte jedenfalls zu jener Zeit in Hunzenschwil mit Eva und den Kindern Lea und Marc, kam an einem schönen Sommertag meine Mutter zusammen mit Laura auf Besuch. Laura war nämlich gerade eine Woche oder zwei bei der Oma in den Ferien, weil ihre Eltern anderweitig beschäftigt waren. Und meine Mutter lebte ja nicht weit von uns, in Suhr. Laura und Lea gingen bald auf Leas Zimmer und spielten dort einträchtig miteinander. Leas Sachen waren sehr interessant für Laura, etwa der Kleiderschrank oder die Schminksachen. Inzwischen plauderten wir drei Erwachsenen auf der Terrasse miteinander. Am Ende des Nachmittages, als es ums Verabschieden ging, wollte Laura nicht weg, sondern sagte, sie wolle die Nacht bei Lea bzw. bei uns verbringen. Ob das nicht möglich sei. Mutter überlegte einen Moment hin und her, willigte dann aber ein. Gesagt, getan, wir richteten eine Schlafgelegenheit ein für Laura in Leas Zimmer und verbrachten eine nette Zeit bis zum anderen Mittag, als die Oma sie wieder abholte.

Ein paar Wochen später, bei einem weiteren Besuch meiner Mutter, zeigte sie uns einen mehrseitigen Brief, den sie von Rita erhalten hatte. In diesem Brief liess sich Rita darüber aus, dass Mutter einen grossen Vertrauensbruch begangen habe, als sie Laura eine Nacht bei uns liess. Schliesslich hätte sie, Rita, Laura der Oma in Obhut gegeben und sei davon ausgegangen, dass die Oma diese Obhut auch jederzeit wahrnehme. Wenn sie Laura aber eine Nacht lang «einem Fremden» überlasse, dann könne sie ja für nichts mehr garantieren. Sie, Rita, müsse sich daher überlegen, ob Laura überhaupt irgendwann mal wieder zur Oma in die Ferien dürfe, falls dort solche Sachen passieren würden. Sie hätte beispielsweise Laura den Lippenstift, den sie von Lea als Geschenk erhalten hatte, sofort wieder wegnehmen müssen, weil doch solche Sachen für Kinder absolut ungeeignet seien und ein falsches Bild von Weiblichkeit vermitteln würden.

Meine Mutter verstand die Welt nicht mehr und fragte Eva und mich, ob wir es ihr erklären könnten. Das konnten wir aber leider auch nicht, auch wir sassen diesem Brief verständnislos gegenüber. Im Nachhinein wird mir klar, dass Rita Angst hatte, dass ich Laura bei einer solchen Gelegenheit «erneut» missbrauchen könnte.

Das Verhältnis zu meinen Brüdern und zu meinem Vater war jedenfalls zerrüttet. Ich fühlte mich seither nicht mehr richtig wohl «im Schosse meiner Familie». Vielmehr fühlte ich mich als das schwarze Schaf, das alle Sünden auf sich nehmen muss. Nur zu meiner Schwester war das Verhältnis ungetrübt, dank ihrer festen Gewissheit, dass die Vorwürfe aus der Luft gegriffen seien und dank ihrem Optimismus, dass sich die Familie schon wieder finden werde. Es hat sich aber nicht einfach aufgelöst. Vielmehr war es so, dass man nach der Therapeutensitzung schlicht nicht mehr über das Thema geredet hat, es totgeschwiegen hat, als wäre es damit aus der Welt.

Laura ist wütend

Noch Jahre später ging mir die ganze Angelegenheit immer wieder durch den Kopf. Ich zermarterte mein Hirn, was ich denn Laura angetan hätte. Der Kontakt zu ihr brach komplett ab – einerseits weil mir Klaus den Kontakt verboten hatte, andererseits weil ich mir selber zu misstrauen begann und langsam fast selber daran glaubte, dass ich etwas Böses getan haben musste, das bestraft gehört. Erst 2013, fast 20 Jahre später und kurz vor dem Tod meines Vaters, entstand wieder ein Kontakt. Wir plauderten via Facebook, und schliesslich besuchte ich sie in Flawil, wo sie heute lebt – inzwischen 35 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern, eine selbständige Frau, die sich durchs Leben schlägt. Ich nutzte die Gelegenheit, sie auf diese alte Geschichte anzusprechen. Sie fiel fast aus allen Wolken. Sie hatte von alledem kaum etwas mitbekommen. Ihre Stiefmutter hatte ja nicht mit ihr darüber geredet und auch nicht Auskunft geben wollen, wenn sie danach gefragt wurde. Sie erzählte mir aber, dass sie sich sehr wohl an den Lenker Besuch erinnere, wie sie sich gefreut habe, mich zu sehen, und wie sie auf dem Rückweg im Auto von Rita furchtbar zusammengestaucht worden sei, weil sie mich so herzlich begrüsst habe, das gehe einfach nicht, das sei nicht normal, und sie dürfe mich nicht mehr sehen, wenn sie weiterhin solche Sachen mache. Laura sei völlig in Tränen aufgelöst gewesen, habe nicht verstanden, was das Problem sei, habe nur begriffen, dass man ihr jetzt auch noch ihren Lieblingsonkel wegnehmen wollte. Und jetzt, wo ich ihr so erzähle, wie es mir ergangen sei, werde sie grade wütend auf ihren Vater und auf Rita und was sie mir da angetan hätten. Rita ist zwar inzwischen an Krebs gestorben, und immerhin gab es vor ihrem Tod eine Gelegenheit, wo ich ihr sagen konnte, dass mich jene Vorwürfe furchtbar getroffen und fast aus der Bahn geworfen hätten. Sie meinte damals, sie sehe es ein, dass die Vorwürfe falsch gewesen seien, und es tue ihr leid. Von Klaus hatte ich so etwas aber noch nicht gehört. Laura sagte also, sie werde ganz bestimmt mit ihrem Vater ein Wörtchen zu reden haben.

Klaus‘ Rücknahme

Zwei Monate später, im Januar 2013, ging es meinem Vater sehr schlecht, er war dem Tode nahe und musste in einem Pflegeheim gepflegt werden. Mein Bruder Klaus kam an einem Sonntagmorgen zu mir und Eva zu Besuch, um über die Situation des Vaters zu reden und wie wir mit den finanziellen Konsequenzen umgehen wollten. Als er sich an den Tisch setzte, begann er mit folgenden Worten:

„Bevor wir über unseren Vater reden, möchte ich noch etwas anderes sagen. Ich habe gehört, dass Laura und du wieder mal über die alten Missbrauchsvorwürfe geredet habt.“

Da musste ich entgegenhalten: „Halt, halt! Ich habe mit Laura das erste und einzige Mal über diese Dinge gesprochen, vor ein paar Wochen. Nicht mehr und nicht weniger!“

„Ja, gut, dann das einzige Mal. Aber auf jeden Fall möchte ich dir dazu sagen, dass Rita vielleicht etwas übersensibel gewesen ist in diesem Bereich. Das lag daran, dass sie selber als Kind missbraucht worden ist von einem Onkel. Zum Hauptvorwurf von wegen Sonntagmorgen im Ehebett und auf seinen Bauch steigen und so kann ich dir folgendes sagen: Ich bin ja jetzt zum dritten Mal verheiratet, und meine dritte Frau hat einen kleinen Jungen von ca. 6 Jahren in die Ehe eingebracht. Das ist ganz ähnlich wie damals mit Laura. Der kleine Tim kommt auch manchmal am Sonntagmorgen zu seiner Mutter und mir ins warme Ehebett gekrochen, und steigt mir auf den Bauch, und ich habe das beobachtet und sagen müssen, das ist ja fast genau gleich wie damals mit Laura. Und jetzt muss ich feststellen, dass da gar nichts Sexuelles oder Erotisches dabei ist. Dass der Junge offenbar einfach nur Körperwärme und Zärtlichkeit sucht. Und ich komme jetzt zur Erkenntnis, dass die damaligen Vorwürfe von Rita falsch gewesen sind. Ich möchte mich deshalb im Nachhinein dafür entschuldigen.“

Uff! Jetzt ging ein Aufatmen durch mich hindurch. Ich sagte:

„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich all die Jahre auf genau diese Worte gewartet habe. Wie sehr ich mich danach gesehnt habe, erlöst zu werden von diesem Vorwurf, ich hätte Laura missbraucht. Ich danke dir dafür!“

Und doch bin ich nicht sicher, ob es vielleicht nicht doch schon zu spät ist. Die ganze Sache hat sich tief, tief in meine Seele gefressen und wird mich wohl noch eine Weile nicht loslassen. Die ungefähr 18 Jahre lassen sich nicht einfach wegwischen. Trotzdem: Die Tatsache, dass diese Worte jetzt gefallen sind, dass sich Klaus bei mir entschuldigt hat, schafft Klarheit und bringt eine gewisse innere Ruhe.

Immerhin ist jetzt wieder ein regelmässiger Kontakt mit Laura vorhanden. Für mich ist das wie ein Nach-Hause-Kommen. Endlich darf ich ihr wieder ohne schlechtes Gewissen begegnen. Ich habe sie so sehr vermisst. Schliesslich ist sie für mich mehr wie eine kleine Schwester als wie eine Nichte.

Nachtrag

Die obigen Notizen entstanden über längere Zeit und kamen zu einem vorläufigen Abschluss 2013. Ein Nachspiel gibt es jetzt, im August 2022, weil meine Geschwister festgestellt haben, dass ich in den letzten Jahren nicht mehr an den sommerlichen Familienzusammenkünften teilgenommen habe und sie mich gerne wieder enger in den Kreis der Geschwister aufnehmen möchten. Meinerseits stelle ich fest: 2013 hat sich zwar die Lage entspannt, aber nicht komplett gelöst. Man könnte sagen, die Wunde hat zu bluten aufgehört, aber die Narbe hat sich noch nicht gebildet.

Rund 20 Jahre lang hatten die Vorwürfe vor sich hin gebrodelt und ihr Gift versprüht, bis Klaus zur Erkenntnis kam, dass da nichts war, was hätte vorgeworfen werden können. 20 Jahre lang hatte ich mich als Paria gefühlt, als Ausgestossener, als schwarzes Schaf. 20 Jahre lang war ich eingeschüchtert und wusste nicht, wie ich mich wehren sollte, wusste nicht, wie ich den Vorwurf eines Verbrechens, das ich nie begangen hatte, entkräften sollte, wie ich Beweise für dessen Nichtexistenz hätte vorlegen können. Ich bin heute noch entsetzt und wütend über die Scharlatanerie dieser angeblichen Familientherapeuten, die sich nicht zu blöde waren, mir völlig verquere Moralvorstellungen aufzudrücken. Ich hatte mich damals nicht getraut, Widerstand gegen diesen Mist zu leisten, aus Angst, dass ich dann erst recht mit juristischen Repressalien zu rechnen hätte.

Nach der Entlastung durch Klaus 2013 gab es ein Aufatmen. Aber so richtig gut fühlte ich mich trotzdem nicht. Wie ich vor zehn Jahren schon schrieb, hat sich das ganze tief in meine Seele gefressen und lässt mich nicht so leicht los.

Durch das freundliche Angebot meiner Geschwister, mir zu meinem sechzigsten Geburtstag etwas Schönes tun zu wollen und etwas für unsere geschwisterliche Gemeinschaft zu tun, kam die Sache wieder hoch. Ich dokumentierte mein Unbehagen und plötzlich war alles wieder da. Und eine regelrechte Wut über die damaligen Vorgänge und die Tatsache, dass sich Klaus aktiv gegen mich gewandt und Beat und mein Vater nicht aktiv für mich eingesetzt hatten, stieg in mir auf. Nein, so leicht will ich es ihnen nicht machen. Da muss noch etwas geschehen. Ich habe zwar keine klare Vorstellung, was genau passieren muss, aber jedenfalls ist es nicht mit einer simplen Entschuldigung getan. Man könnte sagen: Was lange schwärt, wird endlich Wut.

Wenn Ruth deswegen viel weinen muss, so tut mir das leid, besonders weil sie die Einzige ist, die immer gesagt hat, das, was Martin vorgeworfen wird, hat nicht stattgefunden. Das rechne ich ihr hoch an. Ruth, Du bist nicht für das Verhalten Deiner Brüder verantwortlich. Aber Du musst verstehen, dass ich meine Mühe habe mit Verzeihen.

Doch seither ist Sendeschluss. Für mich stelle ich fest, dass ich sie nicht vermisse. Meine Herkunftsfamilie ist abgeschnitten und es ist ok so. Höchstens wünsche ich mir gelegentlich, noch Kontakt zu Laura aufrechtzuerhalten, aber sie hat ihr eigenes Leben und ihre eigenen Schwierigkeiten und sie versteht hoffentlich, dass sie mich kontaktieren könnte, wenn sie das möchte.

Coda

Und noch was: Meine jetzige Frau hat mir nach ein paar Jahren auch erzählt, dass sie mich längere Zeit sehr genau beobachtet habe, besonders was meinen Umgang mit Kindern betrifft. Und sie sei zur Erkenntnis gekommen, dass ich keinerlei pädophile Neigungen habe. Diese Art von Vorwürfen sei für sie daher klar erledigt.


Haben Sie in Ihrer Familie ähnliche Dynamiken oder falsche Anschuldigungen erlebt? Ich freue mich auf Ihre Gedanken und Erfahrungen in den Kommentaren. – Martin

Täglich 15 Minuten

Kurzgeschichte von Martin Christen

Als Teenager, ich werde so 17 gewesen sein, ich war mitten in meiner Lehre als Elektromechaniker, brach ich mir beim Skifahren ein Bein. Skiferien waren für meine Eltern eine Muss-Tradition. Meine Mutter liebte das dermassen, dass sie sich, bzw. der ganzen Familie, das ganze Jahr über die Kosten für die Skiferien am Mund absparte, damit wir während der Winter-Schulferien im Februar zwei Wochen nach Lenk i.S. fahren konnten. Wir verbrachten diese Zeit immer im selben „Chalet Bambi“. Meine Eltern hatten ein gutes Verhältnis zu den Chaletbesitzern aufgebaut und jedes Jahr dort gebucht. Mein ganzes Schülerleben lang waren wir im Winter immer im Chalet Bambi in den Skiferien gewesen. Die Eltern schickten uns immer morgens in die Skischule, damit wir ordentlich Skifahren lernten, und nach ein paar Jahren konnten wir dann selbständig auf die Piste und nutzten das weidlich aus. Als Teenager machte ich es mir jeweils zur Herausforderung, so oft wie möglich am selben Tag die Piste am Betelberg hinunterzubrausen, mit der Gondelbahn wieder nach oben zu fahren und erneut hinunterzubrausen. Unter uns Brüdern machten wir es zum Wettbewerb, wer die meisten Fahrten schaffte. Eines schönen Tages, wie gesagt, als 17-Jähriger, brauste ich also so rasch es ging die eine Piste hinunter und musste unten beim Skilift in den vorgesehenen Warteraum einfädeln. Es war schon recht spät am Nachmittag, nur wenige Leute warteten auf die nächste Gondel, und ich brauste in entsprechendem Tempo heran. Doch beim Einfädeln in den Wartebereich hatte ich noch mittelhohes Tempo drauf, musste, um mich zu balancieren, das Bein ausstrecken, und, Zack! schlug ich dieses Bein an einem Pfosten an. Knack! machte es (ich hörte es selber nicht, aber es  wurde mir so erzählt), und mein rechtes Schienbein war gebrochen.

Nun wurde ich sofort vom Bahnpersonal betreut, da ich schon an der Talstation war, brauchte es keinen Rettungsschlitten, sondern stattdessen organisierte man eine Fahrt zum nächsten Arzt, der mich wiederum in eine Ambulanz steckte zum nächsten Spital, das eine halbe Stunde entfernt im nächsten Städtchen Zweisimmen gelegen war. In der Zwischenzeit informierte der Arzt in Lenk die Vermieter des Chalet Bambi, welche wiederum meine Eltern informierten, dass mit ihrem Sohn etwas geschehen war.

Im Spital Zweisimmen wurde mir der Beinbruch operiert, und zwar erhielt ich eine Stahlschiene eingesetzt. Danach blieb ich ein paar Tage im Spital, bis ich transportfähig war, und wurde dann von meinen Eltern aus den Ferien zurück nach Hause gebracht. Mir wurde eröffnet, dass ich jetzt drei Monate lang nicht arbeiten könne, sondern Zuhause ruhen müsse, bis der Beinbruch soweit verheilt sei, dass ich das Bein wieder belasten könne. An eine Arbeit im Lehrbetrieb als Elektromechaniker war also nicht zu denken.

Meine Mutter, immer praktisch gesinnt, fand, ihr Sohn, der nun drei Monate zuhause verbringen würde, solle die Zeit gefälligst sinnvoll nutzen.  Als Mechaniker war ich natürlich ein Totalausfall. Aber sie, unermüdliche Arbeiterin, die sie selber war, fand immer etwas nützliches zu tun. In meinem Fall entschied sie, dass ich Schreibmaschineschreiben lernen solle. Das war zu jenem Zeitpunkt für einen Mechanikerlehrling sehr aussergewöhnlich, so etwas braucht man als Kaufmannslehrling, das hiess bei uns KV-Lehrling. Der Nachbarsjunge von schräg gegenüber, der gleich alt war wie ich, absolvierte so eine KV-Lehre. Meine Mutter sagte mir, ich solle zum Nachbarn hinüber gehen (an den Gehstöcken, die ich hatte) und ihn zu fragen, ob er einen Schreibmaschinenlehrkurs habe und ob er mir die Kursunterlagen ausleihen könne. Gesagt, getan. Wir hatten eine mechanische Schreibmaschine Zuhause, die gelegentlich für formelle Schreibarbeiten benutzt wurde. Es war ungefähr das Jahr 1979 und damals waren mechanische Schreibmaschinen noch selbstverständlich. Unsere Maschine war eine mit diesen beweglichen langen Typenhebeln für jede Taste, die auf Tastenanschlag hin in Richtung Blatt Papier flogen und durch das vorne durchlaufende Farbband hindurch den Buchstaben auf das Papier schlugen. Ich hatte diese Maschine vorher kaum beachtet, aber jetzt musste ich mich gezwungenermassen damit auseinandersetzen. Meine Mutter fand, täglich 15 Minuten würden vollauf genügen. Wenn ich das drei Monate lang mache, komme ich am Ende ziemlich weit. Und in der Tat. Was zu Beginn sehr zögerlich und langsam voranging, besonders das Erlernen der seltsamen und unlogischen Anordnung der Buchstaben auf den Tasten, erhielt mit der Zeit ein System und begann, mir in die Finger zu fliessen. Ich verstand auch, dass die Buchstabenanordnung deshalb so war, um die Tastenkombinationen möglichst so zu gestalten, dass die meisten deutschen Wörter ohne Typensalat aufs Papier gebracht werden konnten. Typensalat, also mehrere auf dem Weg zum Farbband miteinander verklemmte und verkeilte Typen, musste ich viele Male auseinanderdröseln.

Als ich soweit war, dass ich wieder arbeiten konnte, waren meine Schreibmaschinenfertigkeiten ziemlich anständig fortgeschritten, ich konnte flüssig mehrere Absätze abtippen ohne Fehler zu machen. Fehler waren zum damaligen Zeitpunkt ja noch eine richtige Plackerei. Entweder musste das Blatt Papier weggeworfen und der ganze Text von vorne getippt werden, oder man musste mit Hilfsmitteln wie Korrekturband oder Tippex den falschen Buchstaben überdecken und dann den richtigen Buchstaben darüberschlagen. Wenn man einen Tippfehler erst nach einem Wort oder zwei realisierte, war es meist zu spät, um das noch sinnvoll korrigieren zu können. Also musste man am besten von Anfang an fehlerlos tippen. Das erforderte höchste Aufmerksamkeit.

Als die drei Monate um waren, legte ich die Schreibmaschine beiseite und widmete mich wieder meinem Mechanikerdasein. Die Mutter fand, sowas ist wie Fahrradfahren: Man lernt es einmal und kann es später immer wieder machen, wenn man es mal braucht. Nur wusste ich gerade noch nicht, wann ich das je brauchen würde.

Kurz darauf kam der Vater mit dem Exidy Sorcerer nach Hause. Ein erster Personal Computer, bei uns! Er hatte sich schon länger mit diesem modernen Computerzeugs befasst, hatte gar die amerikanische Computerzeitschrift Byte abonniert, und dort die Werbung für die neuesten Modelle bewundert. Wo er den gekauft hatte, weiss ich nicht, es gab zu jener Zeit noch gar keine Computerläden in der Gegend, oder nur sehr wenige, für Freaks. Die Geschichte meiner ersten Schritte mit diesem ersten Computer habe ich in einer anderen Geschichte geschildert. Aber jedenfalls merkte ich schon da, dass meine Schreibmaschinenfertigkeiten mir bereits zugute kamen und ich so ein Computerprogramm einfach locker aus dem Ärmel in den Computer tippen konnte. Mein Vater selbst beherrschte das Zehnfingersystem nicht so gut wie ich.

Wie es sich so ergab, war der Exidy Sorcerer meines Vaters der Umschwung meiner Karriere. Ich schloss zwar die Lehre als Elektromechaniker ab, begann aber noch während der Lehre, mich in Richtung Computer weiterzuentwickeln. Beispielsweise legte ich mir einen der ersten programmierbaren Taschenrechner zu, einen TI-57, auf dem ich voller Stolz so raffinierte Programme wie das Mondlandungsspiel eingab und spielte. Ich weiss auch noch gut, dass ich diesen Taschenrechner immer dabei hatte, auch in der Gewerbeschule, und auch das TI-57-Handbuch auf dem Tisch liegen hatte, neben dem Formelhandbuch Kuchling, das ich für die Schule haben musste. Der Klassenlehrer war ein zwar ruppiger, aber freundlicher älterer Mann. Er beobachtete mein Treiben und kam eines Tages zu mir, nahm das TI-57-Manual und den Kuchling vom Tisch und sagte laut zu mir und zu allen anderen Elektromechaniker-Schülern der Klasse: „Warum sieht der Kuchling nicht so zerfleddert aus wie dieses Taschenrechnerhandbuch, mein Lieber? Es müsste genau umgekehrt sein!!!“ und lachte laut. Es war klar, dass er sich zwar gewünscht hätte, dass ich das wichtige Schulbuch täglich in die Hand nehme und darin blättere, aber dass ich das technische Handbuch des Taschenrechners derart eingehend benutzte, fand er auch völlig in Ordnung.

Und so wurde immer klarer, dass ich Informatik studieren wollte. Da mir der direkte Weg über die Kantonsschule verwehrt geblieben war, nahm ich den zweiten Bildungsweg: eine Zugangsprüfung an die HTL, die Höhere Technische Lehranstalt. Diese Prüfung schaffte ich, und 1985 schloss ich als Dipl. Informatik-Ing. HTL ab.

Im Laufe des Studiums gereichte mir meine Tippfertigkeit zu manchem Vorteil und staunenden Moment meiner Kommilitonen und Professoren. Meine Finger flogen nur so über die Tastaturen und meine Schreibarbeiten waren immer als erstes fertig.

Später, als das Internet langsam aufkam und man per Einwahlmodem Online gehen konnte, entdeckte ich eine Website, auf der man seine Schreibmaschinenfertigkeiten Online üben und testen konnte. Das tat ich gerne und oft, und irgendwann machte ich an einem Wettbewerb mit, wo sich viele andere Zehnfingerschreiber miteinander massen. Ich kam zwar nicht ganz oben raus, aber ich gehörte schon zum oberen Durchschnitt und war einigermassen stolz, als mir so ein Test eine Schreibgeschwindigkeit von 600 Anschlägen pro Minute bescheinigte. Das war schneller als manche Sekretärin.

Und doch ist mir etwas von der alten Schreibmaschine geblieben. Manchmal merke ich, dass ich heute noch genau so auf Computertastaturen tippe, wie ich es auf der mechanischen Schreibmaschine meiner Mutter gelernt habe. Nämlich hart und kräftig, wobei nicht alle Zeichen gleich hart angeschlagen werden dürfen. Ein „M“ beispielsweise muss sehr hart angeschlagen werden, weil der ganze, grossflächige Buchstabe durch das Farbband drücken muss, ein ‚i‘ darf man jedoch nur schwach anschlagen, sonst reisst der feine Typenhebel einen Schlitz ins Papier, ein Punkt „.“ darf sowieso nur viel sanfter angeschlagen werden. Entsprechend sehen heutzutage meine Computertastaturen aus. Selbst neue Tastaturen sind nach kurzer Zeit abgewetzt, und zwar verschiedene Tasten unterschiedlich stark. Ausserdem sagte mir einmal ein Bürokollege, er staune: Obwohl unser Büro extra lautlose Tastaturen beschafft hatte, schaffe ich es trotzdem, dass jeder meiner Anschläge hörbar sei…

Ja, meine liebe Mutter hat sicherlich gestaunt, was sie mit ihrer Idee von 15 Minuten täglichem Schreibmaschinenkurs bei mir alles bewirkt hat. Dass dieser Kursus derart nützlich für meine gesamte Karriere sein würde, hätte ich mir damals nicht träumen lassen. Rückblickend: Danke, liebe Mutter, für Deine Voraussicht.


Haben Sie in ähnliche Geschichten erlebt? Ich freue mich auf Ihre Gedanken und Erfahrungen in den Kommentaren. – Martin

Das Würmchen und die LED-Matrix

Kurzgeschichte von Martin Christen

Es war 1980, und mein Vater kam mit einem Exidy Sorcerer nach Hause.

Für die meisten Menschen war das ein unbekanntes Gerät – und das blieb es auch, denn Standards gab es damals noch keine. Ein Bekannter aus dem Dorf hatte sich einen Commodore PET zugelegt, der sich eher als Standard abzeichnete, aber ebenfalls verschwand. Die Personal-Computer-Ära steckte noch in den Kinderschuhen: 8080-CPUs, Z80-Prozessoren, das Betriebssystem CP/M, das gerade erst entstand. Mein Vater, Elektroingenieur und immer neugierig auf das Neueste, hatte den Exidy Sorcerer mit Z80-CPU beschafft – ein exotisches Gerät, aber für ihn und mich der Einstieg in eine neue Welt.

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Wann spielen wir endlich?

Kurzgeschichte von Martin Christen

Der Lego-Teppich lag seit Tagen auf dem Boden meines Zimmers. Eine Landschaft aus bunten Steinen, Strassen, Häusern, Brücken – ein Werk, das nie fertig war, weil es nie fertig sein sollte. Ich kniete mittendrin, vollkommen versunken, und suchte in dem Chaos genau den richtigen Stein für genau die richtige Stelle. Die Welt um mich herum existierte nicht.

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Der verlorene Zwilling

Kurzgeschichte von Martin Christen

Mit einer Gruppe von Freunden, die zusammen Seminare in den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung und Geschlechterfragen durchführten, unterhielten wir uns eines Tages darüber, dass wir auch mal wieder selber ein Seminar besuchen möchten und etwas für uns selber tun. Es entwickelte sich die Idee, als ganze Gruppe ein Seminar bei Angelika Kern zu machen. Irgendwo im Schaffhausischen wurde ein Seminarhaus gemietet, Frau Kern erklärte sich bereit, uns als Leiterin zur Verfügung zu stehen, und bald schon brachen wir zu einem besonderen Wochenende auf. Dies muss 2001 gewesen sein. Als sich Frau Kern zu Beginn vorstellte, erklärte sie uns, dass sie mit den beiden Methoden Familienstellen und Craniosacraltherapie arbeite. Jeder von uns werde reihum einzeln an die Reihe kommen, um eine Sitzung mit einer der beiden Methoden zu erhalten. Der verlorene Zwilling weiterlesen

Medizinisches Abenteuer

Ich möchte von meinem medizinischen Abenteuer vom Mittwoch, 10. Dezember 2025 erzählen.

Vorweg: Es geht mir wieder gut!

Am Dienstag Abend beim Zubettgehen stellte ich fest, dass ich beim Einatmen Schmerzen in der Lunge habe. Je voller die Lunge, desto schmerzhafter; bei leerer Lunge kein Schmerz. Am Morgen beim Aufwachen hatte meine rechte Schulter ungewöhnlich geschmerzt. Ich schlafe fast immer auf meiner linken Seite, damit meine Frau rechts von mir weniger von meinem Schnarchen gestört wird. Dass beim Schlafen auf der linken Seite die rechte Schulter schmerzt, fand ich aussergewöhnlich. Im Laufe des Tages vergass ich das aber wieder. Bis, wie gesagt, am Abend plötzlich dieser Lungenschmerz beim Einatmen war. Ich erzählte es meiner Frau und bat sie um eine Rückenmassage mit besonderem Fokus auf der rechten Schulter. Sie liess mir also eine kräftige Thai-Massage zukommen. Das war zwar soweit eine gute Sache, brachte mir aber keine Linderung beim Einatmen-Lungenschmerz.

Nach einer Weile im Bett, in der ich keine Ruhe fand und mich immer wieder hin und her wälzte, entschied ich mich, mich auf das Sofa zu verziehen, um wenigstens meiner Frau Schlaf zu gönnen. Selber fand ich aber kaum Schlaf in dieser Nacht. Und als am Morgen der Atemschmerz nach wie vor da war, und zwar eher noch stärker als am Vorabend, entschied ich mich, die Sache einem Arzt zu zeigen.

Bei meinem Hausarzt erhielt ich einen Termin um 13:30 und fuhr pünktlich mit dem Bus hin. Dieser hörte sich meine Lage an, machte eine Blutanalyse und ein EKG und meinte, eine Lungenentzündung könne er aufgrund des Bluttests schon mal ausschliessen. Ein Herzinfarkt dürfte es aufgrund des EKG auch nicht sein. Weitere Diagnostik sei notwendig, etwa ein CT, wofür er in seiner Praxis aber nicht ausgerüstet sei. Dafür solle ich ins nächste Spital gehen. Er wolle kurz telefonieren und die Angelegenheit besprechen und mich dann wissen lassen, wohin genau ich gehen solle. Ich solle draussen warten. Zehn Minuten später holte er mich wieder rein und sagte, er habe mit dem Triemli, einem grossen Stadtspital im Westen Zürichs, abgemacht, dass ich mich da so rasch als möglich in der Notfallstation melden und dort den CT sowie möglicherweise weitere Untersuchungen machen lassen solle. Dann redeten wir darüber, wie genau ich dorthin gelange.

Dummerweise war, als mir die Praxisassistentin den EKG abnahm und ich dafür meine Schuhe ausziehen musste, weil sie auch eine Elektrode an den Beinen anbringen wollte, mein Schuh kaputtgegangen, und ich nahm mir vor, auf der Heimfahrt bei einem Schuhmacher vorbeizugehen und ihn reparieren zu lassen. Ich sagte also zum Arzt, ich hätte mir vorgestellt, dass ich die Strecke mit Hilfe des direkten Buses in rund 25 Minuten auf mich nehmen wolle, und unterwegs noch beim Schuhmacher, der direkt an der Strecke liege, Zwischenstation machen und meinen kaputten Schuh reparieren lassen wolle. Der Arzt wurde fast nervös und meinte, nein, das fände er nicht gut, ich solle vielmehr ohne Umschweife so schnell wie möglich in die Notfallstation fahren. Er würde mir eine Ambulanz rufen, aber die sei halt sehr teuer. Er empfehle mir, das Geld für eine Taxifahrt auszulegen.

Da merkte ich, der nimmt die Sache ernst und meint offensichtlich, es vertrage keinen Aufschub. Ich selbst empfand die Lage nicht als so dramatisch, konnte durchaus atmen, und wenn ich nur leicht atmete ging es auch fast schmerzfrei, nur tief einatmen ging mit Schmerzen. Also versprach ich ihm, ein Taxi zu nehmen und verliess die Praxis.

Auf der Strasse wollte ich zunächst eine Fahrt mit Bolt, einem Fahrdienst ähnlich wie Uber, buchen. In der App wollten aber mehrere Fahrer die Fahrt nicht annehmen. Eine Zürcher Taxi-App hatte ich zwar vor längerer Zeit installiert, aber noch nie benutzt, und die App wollte mich deshalb zuerst langatmig registrieren, bevor sie einen Fahrtwunsch verarbeiten wollte. Da sah ich direkt gegenüber, vor dem Bahnhof Altstetten, ein Taxi stehen. Ich ging darauf zu, klopfte an die Scheibe, und fragte den Fahrer, ob er mich zum Triemli fahren könne. Er sagte, ja, und ich stieg ein. Die Fahrt dauerte rund 15 Minuten und kostete Fr. 30.- und er lieferte mich direkt vor dem Eingang der Notfallstation ab.

Dort musste ich zuerst fünf Minuten warten, bis jemand Zeit hatte, sich meiner anzunehmen. Nachdem ich meinen Fall geschildert hatte, setzte man mich in einen Rollstuhl und fuhr mich nach hinten in den Behandlungsbereich (obwohl ich meiner bescheidenen Meinung nach problemlos hätte selber gehen können, durfte ich das nicht). Dort musste ich den Oberkörper freimachen, ein Krankenhaushemd anziehen, bekam wieder Blut abgenommen und ein EKG gemessen. Nachdem mich eine Assistenzärztin ausgiebig nach Symptomen befragt hatte, und einer Wartezeit, bis das CT frei war, kam ich da rein und wurde mehrmals durch die Röhre hin und her geschoben. Dann wieder zurück in den Behandlungsbereich.

Dann erhielt ich die Diagnose mitgeteilt: Man habe diverse Sachen untersucht. Herzinfarkt: Nein. Aortaektasie (krankhafte Erweiterung der Hauptschlagader) unauffällig, Keine Entzündungen, Atemwege frei, kein Pleuraerguss (krankhafte Flüssigkeitsansammlung zwischen Lungen- und Rippenfell), kein Perikarderguss (Flüssigkeitsansammlung im Herzbeutel), keine Lungenarterienembolie (Verschluss eines Lungengefässes durch Blutgerinnsel). Kurz gesagt: Man habe alle möglichen Sachen untersucht, und es sei alles „gefährliche“ ausgeschlossen worden. Insofern kein sofortiger grösserer Behandlungsbedarf. Man schlage vor, im Moment einfach Symptome zu behandeln in Form von Schmerzmitteln, sprich Abgabe von Paracetamol.

Ich erhielt noch eine intravenös verabreichte Dosis von Paracetamol sowie ein Rezept für dasselbe Medikament, einlösbar bei der Apotheke meiner Wahl. Ausserdem werde man die Untersuchungsresultate meinem Hausarzt mitteilen, der noch eine Nachbesprechungssitzung mit mir vereinbaren werde.

Damit durfte ich die Notfallstation verlassen und fuhr mit dem Bus nach Hause. Vorher erbettelte ich noch von der Krankenschwester ein bisschen medizinisches Klebeband, das ich um meinen kaputten Schuh wickelte, damit ich nicht allzusehr bei jedem Schritt schlurfen musste. Das war ungefähr um 20:30. Um 21 Uhr war ich Zuhause. Ich hatte somit den ganzen Nachmittag seit 13 Uhr damit verbracht, mich um meine Gesundheit zu kümmern. Meine defekten Schuhe brachte ich erst am nächsten Tag zum Schuhmacher in meiner Nähe, der sie für Fr. 25.- in zwei Stunden reparierte.

Ich kann feststellen: Wenn ein 63-jähriger Mann zum Arzt geht und über Schmerzen in der Brust klagt, die beim Atmen entstehen, dann wird das sehr ernst genommen, sowohl vom Hausarzt als auch von den Ärzten in der Notfallstation. Dann wird alles unternommen, die grosse Diagnostikmaschinerie angeworfen, um herauszufinden, was da los sein könnte, selbst wenn sich am Ende herausstellt, dass es nichts ist, was unmittelbar behandelt werden muss und kann. Womöglich ist es am Ende psychosomatisch, bedingt durch meine inzwischen mehrmonatige Arbeitslosigkeit – aber das ist eine Geschichte für sich, die ich ein andermal erzählen werde.

Am Nachbesprechungstermin mit meinem Hausarzt meinte er, das sehe alles gut aus. Er möchte mich noch zu einem Ultraschalluntersuch der Aorta schicken, weil eine leicht erweiterte Aorta festgestellt worden sei. Diese müsse nicht sofort behandelt werden, aber falls sich das verändere, dann möglicherweise schon. Deshalb jetzt eine Referenzmessung machen und in einem Jahr eine Kontrollmessung. Wenn sich dann keine wesentliche Veränderung, könne man das Thema zur Seite legen.

Gesagt, getan. Eine Woche später liess ich mir die Aorta per Ultraschall ausmessen. In einem Jahr sehen wir weiter.

Einstweilen bin ich froh, dass nichts Ernsthaftes vorliegt und ich das einfach mit Paracetamol behandeln kann.


Haben Sie ähnliche Geschichten erlebt? Ich freue mich auf Ihre Gedanken und Erfahrungen in den Kommentaren. – Martin

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