Das Würmchen und die LED-Matrix

Kurzgeschichte von Martin Christen

Es war 1980, und mein Vater kam mit einem Exidy Sorcerer nach Hause.

Für die meisten Menschen war das ein unbekanntes Gerät – und das blieb es auch, denn Standards gab es damals noch keine. Ein Bekannter aus dem Dorf hatte sich einen Commodore PET zugelegt, der sich eher als Standard abzeichnete, aber ebenfalls verschwand. Die Personal-Computer-Ära steckte noch in den Kinderschuhen: 8080-CPUs, Z80-Prozessoren, das Betriebssystem CP/M, das gerade erst entstand. Mein Vater, Elektroingenieur und immer neugierig auf das Neueste, hatte den Exidy Sorcerer mit Z80-CPU beschafft – ein exotisches Gerät, aber für ihn und mich der Einstieg in eine neue Welt.

Er zeigte mir die Grundlagen des Programmierens in BASIC, aber ich wuchs ihm rasch über den Kopf. Bald programmierte ich Sachen, die er selbst nicht mehr ganz verstand – wobei mir zugutekam, dass ich dank eines gebrochenen Beins das Zehnfingersystem bereits beherrschte. Eines Tages entdeckte ich, dass der 8-Bit-Zeichensatz des Sorcerers einige frei programmierbare Zeichen enthielt. Ich gestaltete eine Reihe davon so, dass ihre Bildfolge ein sich zusammenziehendes und wieder streckendes Würmchen ergab, und schrieb dann ein kleines BASIC-Programm, das diese Zeichen in genau der richtigen Abfolge auf dem Bildschirm so darstellte, dass ein Würmchen langsam von unten nach oben kroch.

Als ich meinem Vater das Programm zeigte, klatschte er in die Hände. Er war begeistert – nicht nur über das Ergebnis, sondern darüber, dass ich mich bereits so tief in die technischen Eigenheiten des Systems eingearbeitet hatte, dass mir so etwas als Anfängerarbeit gelungen war.

Es war der Beginn einer langen Leidenschaft.

Nach der Berufslehre als Elektromechaniker bei Sprecher & Schuh arbeitete ich ein paar Monate lang für die Indumation AG, ein Tochterunternehmen meines Lehrbetriebs, das Elektronik für Lagerhäuser und Industriesteuerungen entwickelte und verkaufte. Ich wusste bereits, dass ich nach der Rekrutenschule das Informatik-Ingenieurstudium antreten würde – dieser Zwischenstopp war mein erster Schritt in die professionelle Welt der Computer.

Es war meine Traumwelt. Einerseits wurde Software für ausfallsichere Rechner vom Typ TANDEM gebaut, deren sämtliche Komponenten doppelt vorhanden waren und bei einem Ausfall automatisch umschalteten. Andererseits kamen für die Steuerung von Hochregallagern, Kränen und Horizontalförderanlagen hauseigene Industriecomputer zum Einsatz – SPS, Speicherprogrammierbare Steuerungen, mit mehreren Einschubschächten für Input- und Outputmodule.

In einer ruhigeren Phase zwischen zwei Aufträgen – als Hobby gewissermassen – fügte ich ein Dutzend 8-Output-Module nebeneinander in eine solche SPS ein und schrieb ein kleines Programm in 8085-Assemblersprache, das die jeweils acht LEDs der Module zu einer 8×12-Matrix verband. Damit konnte ich die Zahlen von 00 bis 99 darstellen und liess sie mit einem Zählerprogramm der Reihe nach durchlaufen.

Als ich das einem Kollegen zeigte, klopfte er mir auf die Schulter: «Damit hast du gerade dein Genie als Computerspezialist bewiesen. Sowas müsste für alle Informatikstudenten zu den ersten Aufgaben gehören.»

Ich nahm das Lob mit einem Schmunzeln entgegen. Für mich war es einfach das gewesen, was ich immer tat: tief eintauchen, verstehen wollen wie etwas funktioniert, und dann herausfinden, was noch möglich ist, was noch niemand ausprobiert hat.

Das Informatik-Ingenieurstudium an der HTL schloss ich 1985 ab. Zum Abschluss gestaltete unsere Klasse, wie es damals üblich war, eine gemeinsame Zeitschrift – mit Fotos, Anekdoten, Porträts der Lehrer und allerlei Episoden aus den Studienjahren. Zusammen mit einem Kommilitonen sass ich mehrfach zusammen, um witzige Einsprengsel zu sammeln.

Irgendwann sagte er zu mir: «Martin, mir fällt gerade auf, dass du dich hier oft über dich selbst lustig machst. Du notierst Vorfälle, in denen du gar nicht gut dastandst, und lachst darüber. Ich würde das nicht machen, wenn ich du wäre.»

Ich war betroffen. So hatte ich mir das nie überlegt. Ich sah einfach die Komik in den Situationen, an denen ich beteiligt war – und fand, dass das ein Lacher wert war. Er hingegen fand, das seien Lacher auf meine Kosten, die ein schlechtes Licht auf mich werfen könnten.

Wir sahen das sehr verschieden. Und vielleicht sehen wir es bis heute noch so.

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