Kurzgeschichte von Martin Christen

Ich weiss nicht mehr genau, wann es geschah. Irgendwann in der vierten oder fünften Klasse, als Herr Müller mein Lehrer war und ich neun oder zehn Jahre alt. Die Jahreszahl ist verschwommen, aber das Gefühl von damals ist glasklar, als wäre es gestern gewesen.
In jenen Jahren machten meine Eltern im Herbst gerne Wanderferien. Das Binntal im Wallis war eine wunderbar wilde Gegend, in der ich grossartig geformte Steine fand: einfachen Quarz, faustgrosse Stücke des weissen, mit goldfarbenem Pyrit überzogenen Zuckerdolomits, und die schwarzen, fussgrossen Brocken, deren Oberfläche über und über mit glänzenden, länglichen Kristallzylindern übersät war – vermutlich Jordaniten. Für Mineralogen wären es wohl belanglose Stücke gewesen. Für mich waren es Schätze, jeder einzelne mit einer Geschichte, die nur ich kannte.
Im nächsten Frühling baute ich mir eine kleine Holzhütte hinten im Garten, direkt neben dem Sandhaufen, und spielte darin «Verkäuferlis». Die Auslage bestand aus den Binntal-Steinen, sorgfältig aufgereiht wie echte Kostbarkeiten.
Eines Nachmittags tauchte Ronny auf. Er wohnte ein paar Häuser weiter, in der Parallelstrasse – ein nur sporadischer Spielkamerad. Um ihn rankten Gerüchte: seine Eltern seien geschieden, der Stiefvater streng, vielleicht sogar zu streng. Für uns Kinder war das ein Makel, den wir nicht verstanden, aber nachplapperten. Trotzdem freute ich mich, dass er kam.
Ronny betrachtete die Steine, stellte Fragen, die mir schmeichelten. Und irgendwann zog er eine Stoppuhr aus der Tasche. Ein mechanisches Modell mit Klappdeckel und zwei Knöpfen, bei deren Betätigung der Zeiger losrannte oder stoppte. Dieses Ding faszinierte mich sehr. Wir wurden uns schnell einig: zwei meiner schönsten Steine gegen seine Stoppuhr. Den Rest des Nachmittags mass ich Zeiten für alles, was mir in den Sinn kam.
Nach etwa einer Stunde kam die Mutter auf die Terrasse, um mir einen z’Vieri anzubieten. Ganz nebenbei fragte sie, woher ich die Stoppuhr hätte. Ich erzählte ihr wahrheitsgemäss vom Tauschhandel. Sie stutzte, meinte, das könne nicht sein, nahm mir die Uhr kommentarlos weg und ging ins Haus. Ich zuckte mit den Schultern und kümmerte mich wieder um meinen Laden.
Beim Abendessen verkündete sie, sie habe herumtelefoniert. Zwei Stoppuhren seien aus der Turnhalle Bärenmatte verschwunden – eine bei Ronny, eine bei mir. Herr Müller habe bestätigt, dass sie dort fehlten. Meinen Einwand, dass ich nur einen legitimen Tauschhandel gemacht hätte, wischte sie mit einem verkniffenen Lächeln beiseite: «Behaupten kannst du ja vieles.» Sie werde die Uhren noch am selben Abend Herrn Müller übergeben.
Am nächsten Tag wollte auch Herr Müller nichts von meiner Version wissen. Die Strafe: Ronny und ich sollten während der Frühlingsferien beim Gemeindeförster «Tannli setzen». Meine Eltern fanden das eine grossartige Idee. Widerstand war zwecklos.
Ich kreuzte also am ersten Ferientag um 7 Uhr beim Förster auf. Er staunte über den jungen Arbeiter, war aber informiert und gab mir leichte Arbeiten. Zwei Wochen lang schuftete ich von 7 bis 17 Uhr, mit einer grosszügigen Mittagspause, aber solche körperliche Arbeit war ich nicht gewohnt und kam dementsprechend erschöpft nach Hause. Ronny tauchte nie auf. Kein einziges Mal.
Am letzten Arbeitstag verabschiedete mich der Förster herzlich. Einen so fleissigen jungen Mann habe er schon lange nicht mehr gehabt, sagte er. Er wisse, dass es eine Strafmassnahme gewesen sei – aber weil ich ohne zu murren so hart gearbeitet hätte, werde er mir den üblichen Lohn auszahlen. Allerdings sei ich minderjährig, daher werde er das Geld mit einem Brief an meine Eltern schicken. Mein Herz machte einen Sprung. Vielleicht hatte sich die unverschuldete Plackerei doch noch gelohnt.
Nach ein paar Tagen, als ich von der Schule nach Hause kam, sassen Vater und Mutter am Esstisch und forderten mich auf, mich zu setzen. Mutter hatte einen Briefumschlag in der Hand. Der Förster lobe meine Arbeit sehr, sagte sie – und zahle mir dafür einen Lohn von ungefähr 170 Franken aus. Jetzt hätten sie aber ein Problem. Es könne nicht angehen, dass ich aus einer Strafe noch Profit ziehe. Ich hätte ja auch gar keine Verwendung für so viel Geld. Sie hätten beschlossen, es einem guten Zweck zu spenden.
Ich schluckte schwer und ging in mein Zimmer. Das fühlte sich verdammt Scheisse an. Nicht nur hatte mir meine Mutter die Wahrheit über den Tauschhandel nicht glauben wollen – ich war auch der einzige, der bestraft worden war, und jetzt durfte ich nicht einmal den sauer erarbeiteten Lohn behalten.
Es war ein zweites Urteil. Härter als das erste, weil es von denen kam, die mich hätten schützen sollen.