Kurzgeschichte von Martin Christen
Der Lego-Teppich lag seit Tagen auf dem Boden meines Zimmers. Eine Landschaft aus bunten Steinen, Strassen, Häusern, Brücken – ein Werk, das nie fertig war, weil es nie fertig sein sollte. Ich kniete mittendrin, vollkommen versunken, und suchte in dem Chaos genau den richtigen Stein für genau die richtige Stelle. Die Welt um mich herum existierte nicht.
Wenn der Nachbarsjunge zu Besuch kam – was meine Mutter immer sehr begrüsste – dann fand er das Steinefeld zunächst toll. Wir bauten zusammen, ergänzten, erweiterten. Aber nach etwa zwei Stunden wurde er unruhig. Irgendwann stellte er die Frage, die mich jedes Mal verblüffte:
«Wann spielen wir endlich?»
Ich verstand nicht, wovon er redete. Wir spielten doch die ganze Zeit. Das, was wir taten – bauen, gestalten, eine Welt erschaffen – war für mich Spielen in seiner reinsten Form. Ich legte meine ganze Konzentration hinein. Was hätte es noch anderes geben sollen?
Dasselbe im Sandkasten hinter dem Haus. Mein Vater wusste, wo man den besten Sand beschaffen konnte – formbaren, feuchten Sand, der sich zu Bergen auftürmen liess, durch den man Tunnels graben und Strassen bahnen konnte. Bei uns versammelten sich deshalb oft die Kinder aus der Nachbarschaft. Aber auch hier war meine liebste Tätigkeit das Bauen selbst: zuerst ein möglichst hoher Berg in der Mitte, dann Strassen und Tunnels, die um ihn herum und durch ihn hindurch führten, Bauernhöfe im Flachland, Brücken über imaginäre Flüsse. Das alles zu bauen erforderte Geduld, handwerkliches Geschick und Kunstfertigkeit. Ich konnte Stunden damit verbringen.
Und wieder kam nach einer Weile dieselbe Frage: «Wann spielen wir endlich?»
Für meinen Spielkameraden war Spielen, sich eine Geschichte auszudenken und sie mit Figuren und Autos auf der fertigen Anlage nachzuspielen. Für mich war Spielen, diese Anlage überhaupt erst zu erschaffen. Und wenn sie fertig war – wenn sie je fertig war – wusste ich nichts mehr damit anzufangen.
Als Teenager schenkte mir mein Vater einen Elektronik-Experimentierkasten. Widerstände, Transistoren, Dioden, Steckplatten, Kurzkabel – und ein dickes Experimentierhandbuch mit Dutzenden von Schaltungen. Ich liebte es, darin zu versinken: wie man eine Glühlampe zum Blinken bringt, wie eine Taste eine Funktion aktiviert, und als Höhepunkt ein echter Radioempfänger, mit dem man richtig Radio hören konnte. Mein Vater, von Beruf Elektroingenieur, förderte dieses Interesse bewusst. Ich war das einzige seiner vier Kinder, das sein technisches Flair geerbt hatte.
Als ich später meinem Stiefsohn denselben Experimentierkasten schenkte, merkte ich den Unterschied sofort. Er schaute ins Inhaltsverzeichnis, liess sich die Alarmanlage zeigen – und wollte von da an nur noch diese eine Funktion nutzen. Dass man damit noch vieles andere lernen und entdecken könnte, interessierte ihn nicht. Er sah die Nützlichkeit einer bestimmten Bauanleitung. Ich hatte immer den Prozess gesehen, nie das Endprodukt.
Das war schon immer so. Und lange dachte ich, das sei einfach meine Natur – introvertiert, in mich gekehrt, am liebsten allein mit meinen Projekten.
Aber dann erinnere ich mich an meine Mutter. Sie war gespalten, glaube ich. Einerseits sah sie meine Fokussiertheit durchaus als etwas Wertvolles. Andererseits hatte sie Angst, dass ich vereinsamen könnte, und drängte mich, mehr Zeit mit Nachbarskindern zu verbringen. Ronny, der ein paar Häuser weiter wohnte, war ihr nicht recht – zu zweifelhaftes Umfeld. Im Teenageralter hinderte sie mich daran, abends an Feten mit Klassenkameraden zu gehen. Die einzige Feier, an die ich durfte, war die des unbeliebten Klassenkameraden, Sohn des Schuldirektors, bei der ich dann tatsächlich fast der einzige Gast war.
So setzte sie mir den Stempel des Eigenbrötlers auf – und machte mich damit, zumindest teilweise, erst zu dem, was ich sein sollte.
Bis heute weiss ich nicht genau, wo die Grenze verläuft. War ich von Natur aus introvertiert – jemand, der in der Stille und im Prozess sein Glück findet? Oder wurde ich es, weil die Welt um mich herum mich immer wieder in diese Rolle drängte?
Vielleicht ist das auch die falsche Frage. Vielleicht bin ich beides – und das eine hat das andere so tief durchwachsen, dass sie nicht mehr zu trennen sind.