Der verlorene Zwilling

Kurzgeschichte von Martin Christen

Mit einer Gruppe von Freunden, die zusammen Seminare in den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung und Geschlechterfragen durchführten, unterhielten wir uns eines Tages darüber, dass wir auch mal wieder selber ein Seminar besuchen möchten und etwas für uns selber tun. Es entwickelte sich die Idee, als ganze Gruppe ein Seminar bei Angelika Kern zu machen. Irgendwo im Schaffhausischen wurde ein Seminarhaus gemietet, Frau Kern erklärte sich bereit, uns als Leiterin zur Verfügung zu stehen, und bald schon brachen wir zu einem besonderen Wochenende auf. Dies muss 2001 gewesen sein. Als sich Frau Kern zu Beginn vorstellte, erklärte sie uns, dass sie mit den beiden Methoden Familienstellen und Craniosacraltherapie arbeite. Jeder von uns werde reihum einzeln an die Reihe kommen, um eine Sitzung mit einer der beiden Methoden zu erhalten. Welche von beiden Methoden zum Einsatz komme, werde jeweils gemeinsam nach Gefühl entschieden. Die anderen Seminarteilnehmer würden jeweils dabei sein und Zeuge werden von der jeweiligen Interaktion. Wir waren etwa 20 Leute, zum Teil Paare, zum Teil Einzelpersonen und wir kannten einander seit Jahren und waren gute Freunde. Mit diesem Vorgehen konnte also ein ganzes Wochenende problemlos gut gefüllt werden und es versprach, uns als Gruppe noch mehr zusammenzuschweißen.

Über die Sitzungen meiner Freunde zu berichten, wäre sehr spannend, aber dann kommen wir zu gar keinem Ende. Jetzt geht es um mich. Als die Reihe also an mir war, setzte ich mich erst mal neben Frau Kern, damit wir uns kennenlernen und die Therapieform entscheiden konnten. Ziemlich schnell schlug sie mir die Craniosacraltherapie vor. Mit den vorherigen Leuten hatte sie Familienstellen gemacht, und so war das etwas ganz neues und interessantes. Sie erklärte mir den Ablauf folgendermaßen: Ich würde mich gleich auf eine Liege begeben und dort auf dem Rücken liegend entspannen. Sie würde sich auf einen Stuhl an mein Kopfende setzen und mit ihren Händen meine Schultern berühren. Dann würde sie mit Händen und Armen in meinen Körper hineinfühlen. Ich solle zu jeder Zeit frei erzählen, wie ich mich gerade fühlen würde. Ich wandte ein, dass ich manchmal Mühe hätte, meine Gefühle zu benennen und darüber zu reden, aber ich könne problemlos meine Körperempfindungen beschreiben. Sie lachte und meinte, kein Problem, dann solle ich mich halt auf meine Körperempfindungen beschränken. Wie es danach weitergehe, das werde sich dann von selbst entwickeln.

Also legte ich mich auf die Liege und sie berührte mich an den Schultern mit ihren Händen. Sie erklärte weiter, auch an meine um uns herum sitzenden, zuschauenden Freunde gerichtet, dass sie jetzt Stück für Stück langsam in meinen Körper hineinspüre und langsam immer tiefer vordringe. Sie kommentierte laufend, wie gut es vorwärts gehe, und ich sagte dazu, ob ich an den betreffenden Körperstellen gerade warm oder kalt hätte, ob es einen Schweissausbruch gäbe, ob es zittere, oder was auch immer. Irgendwann meinte sie, sie spüre einen besonderen Widerstand. Ob ich bereit sei für ein Experiment. Ich bejahte. Sie schlug mir einen Satz vor, den ich mir innerlich mehrfach vorsagen solle und dabei einfach beobachten, ob der Satz eine Reaktion hervorrufe oder nicht. Der Satz lautete “Lieber du als ich!”. Ja, gut, ich sagte mir also den Satz mehrfach vor, hatte aber nicht den Eindruck einer besonderen Reaktion, und das sagte ich auch. Kein Problem, meinte sie, dann drehen wir den Satz einfach um: “Lieber ich als du!”. Auch diesen Satz drehte und wendete ich innerlich vor mir her — und, Wow! Ich ging ab wie eine Rakete. Ich begriff gar nicht, wie mir geschah, aber mich packte plötzlich eine überwältigende Trauer. Ich begann zu weinen, die Tränen liefen mir über die Wangen, ich schrie und zappelte auf der Liege. “Lieber ich als du!” Der Satz fühlte sich gleichzeitig schrecklich, aber absolut wahr an. Eine tiefe Wahrheit, die mein Innerstes berührte. Der Satz zerriss mich. Natürlich! Das war doch logisch! Wenn jemand leiden sollte, dann sollte ich es selber sein, nicht mein Nachbar, nicht mein Nächster, nicht meine Liebsten, nicht jemand anderes — Ich! Und dieser Einsicht konnte ich nicht standhalten. Da floss plötzlich eine jahrelange Trauer aus mir heraus, mit einer Macht, die ich mir nicht hätte vorstellen können.

Frau Kern erklärte nun, fast mehr zu meinen Freunden als zu mir, aber natürlich hörte ich ja auch jedes Wort, dass sie das gespürt hatte. Und zwar sei es so, dass es viel häufiger vorkomme, als man landläufig glaube, dass nämlich eine Schwangerschaft ganz zu Anfang eine Zwillingsschwangerschaft sei, dass aber immer mal wieder einer der beiden Zwillinge mehr oder weniger unauffällig verschwinde. Da könne mal eine kleine Blutung sein in den ersten Wochen der Schwangerschaft, mal könne es größere Umstände wie Krämpfe machen, in seltenen Fällen stelle der Arzt einen toten Fötus fest und müsse ihn herausoperieren. Vom verfrüht abgegangenen Zwillingsfötus müsse die werdende Mutter noch nicht einmal etwas mitbekommen haben. Aber in jedem Fall sei diese Situation traumatisch für den überlebenden Fötus. Medizinisch nachweisbar seien erhöhte Risiken für Gehirnlähmungen oder Herzfehler. Aber auch aus psychologischer Sicht sei mit massiven Spätfolgen zu rechnen. Wie man in meinem Fall sehen könne, gebe ich mir die Schuld am Tod meines Zwillingsbruders. Oder andersherum: Der Tod meines Zwillingsbruders habe mich so verstört, dass ich lieber anstelle seiner gestorben wäre und dass ich ihm so quasi hätte sein Leiden ersparen wollen.

Das ergab für mich alles sehr viel Sinn. Ich verstand ganz genau, wovon sie redete, und wie mich das betraf. Hatte ich doch immer wieder, besonders in den letzten Jahren, schwere depressive Anfälle, in denen ich mich total zurückzog von der Welt, mir regelrecht die Decke über den Kopf zog, und das Gefühl hatte, dass ich nicht in diese Welt gehöre, dass ich eigentlich gar nicht hier sein sollte, dass meine Anwesenheit, mein Leben, ein Irrtum war.

Ein Zwillingsbruder! Ich hätte einen Zwillingsbruder haben sollen! Diese Erkenntnis fühlte sich großartig an. So einen Bruder hatte ich mir doch immer gewünscht. Ich konnte mir plastisch vorstellen, mit meinem Zwillingsbruder aufgewachsen zu sein und mit ihm das Leben zu teilen. Jemand zu haben, der einfach alles von mir kennt und der mich bedingungslos versteht, weil wir Zwillingsbrüder sind. Ich fuhr nach dem Seminar ganz aufgekratzt nach Hause. Mit dieser Erkenntnis konnte ich etwas anfangen. Ich begann, mit meinem Zwillingsbruder zu reden, ihm zu erklären, warum ich tat, was ich tat, warum ich fühlte, was ich fühlte. Versuchte, mir einen Namen für ihn auszudenken, konnte mich aber auf nichts festlegen. Das war auch logisch, weil der Name ja von den Eltern gewählt wird, nicht vom Bruder. Und ich verstand langsam dieses Sehnen, das ich immer in mir gefühlt hatte, dass mir etwas wichtiges fehlt im Leben, das unwiederbringlich verloren war. Diese unbändige Wehmut, die mich immer wieder packte und niederwarf.

Ein paar Wochen später erzählte ich meiner Schwester davon, von dem Seminar und was ich da wichtiges erlebt und erfahren hatte. Das war über einen Internet-Chat, weil sie recht weit entfernt von mir wohnte und wir die lange Reise nur selten auf uns nahmen. Sie hörte sich alles aufmerksam an und meinte am Schluss, ja, es wäre sicher interessant zu wissen, ob in der frühen Schwangerschaft meiner Mutter etwas besonderes gewesen sei. Am besten solle ich mal mit meinem Vater darüber reden (die Mutter war vor ein paar Jahren verstorben und konnte also nicht mehr danach befragt werden).

Wiederum ein paar Wochen später, als wir wieder mal im Chat miteinander plauderten, fragte sie mich, ob ich denn jetzt schon mit meinem Vater geredet habe über diese Zwillingsbruder-Geschichte und die frühe Schwangerschaft meiner Mutter. Ich sagte, nein, ich hätte noch keine Gelegenheit gehabt, aber wie es scheine, wisse sie selber etwas. Ob sie es mir denn nicht selber sagen könne? Eigentlich nicht, meinte sie vorsichtig, aber gut, sie könne mich ja mal in die Richtung weisen. Genaueres solle ich dann bitte schön unseren Vater fragen. Also?

Also: Sie wisse zufällig, wie meine Schwangerschaft entstanden sei. Nämlich in den Sportferien des Jahres 1962, als die ganze Familie, also meine Eltern und meine drei Geschwister, in der Lenk in den Skiferien gewesen waren. Die Eltern seien besonders glücklich und verliebt gewesen, sie wisse das, weil sie kaum erreichbar gewesen seien, nur mit sich selbst beschäftigt, keine Zeit für die Kinder. Diese Kinder waren zu jener Zeit 8, 9 und 12 Jahre alt (meine Schwester die Älteste, die beiden jüngeren zwei Brüder) und gross genug, sich mit sich selber zu beschäftigen, deshalb war das kein Problem.

Wenige Wochen danach, wieder Zuhause, sei die Mutter zu Tode betrübt gewesen und habe eine regelrechte Depression gehabt. Sie habe nämlich festgestellt, dass sie schwanger war, und wollte doch gar kein Kind mehr. Zum einen war sie bereits 42 und fand sich zu alt für ein weiteres Kind, zum anderen klagte sie, dass der ganze Zirkus noch einmal von vorne losgehe. Jetzt sei sie doch mit den anderen dreien aus dem Schlimmsten raus, und doch nochmals von vorne beginnen? Nochmals dasselbe? Die Depression sei so schlimm geworden, dass sie einen Selbstmordversuch unternommen habe. Dieser ging aber schief und hatte nicht einmal Konsequenzen auf die Schwangerschaft, so dass am Ende im Oktober doch ein gesunder Junge zur Welt kam, nämlich meine Wenigkeit.

Bitte was? Ich glaubte, mich verhört zu haben. Meine Mutter hatte einen Selbstmordversuch unternommen? Als sie schwanger war mit mir? Wow! Das ließ ja den Satz “Lieber ich als du!” in einem völlig neuen Licht erscheinen. Womöglich war da gar kein Zwillingsbruder, dessen Leiden ich übernehmen wollte, sondern am Ende war es das Leiden meiner Mutter, das mich so schmerzte, dass ich lieber selber sterben wollte, als meine Mutter ins Unglück zu stürzen. Wenn meine Mutter meinetwegen so litt, dass sie sterben wollte, dann wäre es doch sicherlich besser, selber zu sterben, und damit das Leiden meiner Mutter zu beenden. Also am besten gar nicht erst auf die Welt zu kommen. Lieber ich als du! So herum ergab der Satz plötzlich noch mehr Sinn.

Das wollte ich jetzt doch noch genauer wissen. Ich ließ zwar ein bisschen Zeit verstreichen, suchte dann aber doch meinen Vater auf und sprach ihn darauf an. Er wollte längere Zeit nicht herausrücken damit, druckste herum, redete davon, dass das mit der Depression der Mutter schon richtig war und dass er damals beschlossen habe, mir besondere Aufmerksamkeit zu schenken, um die Mutter zu entlasten. Er wollte sich besonders um mich kümmern, bewusst mehr als er es bei den anderen dreien getan hatte. Und es stimmt auch, ich erinnere mich an viele Reisen mit meinem Vater, wo wir zu zweit mit der Eisenbahn stundenlang quer durch die Schweiz fuhren, und wo er mir verschiedenste Sehenswürdigkeiten und Naturschauspiele oder besondere Museen zeigte. Soweit ich mich erinnere, fanden diese Reisen besonders im Primarschulalter statt. Und auch später führte er mich in die Welt der Technik und der Ingenieurskunst ein (er war von Beruf Elektroingenieur), erzählte aber auch viel von Politik und Religion. Letzteres auf eine für mich besonders faszinierende, undogmatische Weise. So konnte er, obwohl Mitglied der reformierten Kirche, viel über Reinkarnation, geistige Welten und Engelwesen erzählen und war damit in vielen Dingen im Widerspruch zur offiziellen reformierten Lehre, wie ich später bei manchen Auseinandersetzungen mit dem Dorfpfarrer erfahren musste.

Ich bohrte also immer weiter nach, wie das denn mit jenem Selbstmordversuch gewesen sei. Wie gesagt, er wehrte sich lange dagegen, mit der Wahrheit herauszurücken, und ich merkte auch, warum. Er hatte Angst, ich könnte deswegen einen Hass auf meine Mutter bekommen und das würde mir, so sagte er, mehr schaden als nützen. Ich beruhigte ihn und sagte, da sei schon zu viel Wasser die Aare hinunter geflossen, ich sei inzwischen erwachsen und reif genug, dass ich sowas auseinanderhalten könne. Ich sei überzeugt, dass meine Mutter in ihrem Leben alles Menschenmögliche geleistet habe, und manchmal sogar mehr als das. Ich hätte auf jeden Fall einen großen Respekt vor ihr. Aber dieser Punkt sei mir wichtig, und ich wolle einfach, dass die Wahrheit auf dem Tisch liege, damit meine Seele Ruhe finden könne. Darauf knickte er ein und erzählte mir folgendes:

Sie sei eines Tages in ihrer Verzweiflung in die Garage hinunter gegangen, habe sich ins Auto gesetzt und bei geschlossenem Garagentor den Motor laufen lassen. Sie wollte sich also mit den giftigen Autoabgasen ersticken. Dieser Vorgang dauert ja eine gewisse Zeit, und plötzlich habe sie sich offenbar doch zum Leben entschlossen. Jedenfalls habe sie plötzlich um Hilfe geschrien. Er selber sei im Haus oben gewesen und habe diese Hilfeschreie gehört. Er sei hinunter in die Garage geeilt, habe das Garagentor geöffnet, die halb bewusstlose Ehefrau auf den Beifahrersitz bugsiert, und sei dann mit ihr ins nächstgelegene Kantonsspital gefahren. So habe sie und das Kind in ihr, also ich, gerettet werden können. Danach sei das auch kein Thema mehr gewesen, sie habe sich mit der Schwangerschaft abgefunden und habe mit der Zeit auch Liebe zum Kind entwickeln können.

So war das also mit der Schwangerschaft, die mich in diese Welt brachte. Bis heute habe ich immer wieder depressive Phasen, in denen ich denke, dass ich eigentlich gar nicht auf dieser Welt sein sollte, dass ich fehl am Platze bin, ein Störfaktor. Immerhin, seit ich mir der Ursache dieser Gedanken bewusst geworden bin, sind diese Phasen weniger geworden. Mein Psychologe hat kürzlich zu mir gesagt, dass es an der Zeit sei, dass ich meine Opferrolle ablege. Im Lichte dieser Geschichte betrachtet, fällt mir das schwer. Aber er hat sicherlich recht. Wer weiss, vielleicht kann ich den Satz “Lieber ich als du!” eines Tages vollständig zur Ruhe betten.

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